Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes,. 157 
Streben nach Selbständigkeit, nach LoslöSung aus dem Haussg, in 
dem gich das Stiefkind --- ob mit Recht oder Unrecht, 8el hier 
dahingestellt; das wird von der besonderen Lage des einzelnen 
Falles abhängen -- nicht wohl fühlt; es will nicht herumgestoßen 
werden, nicht von der Gnade und dem Wohlwollen anderer ab- 
hängen. Daß aber diesger Freiheitsdrang für viele eine Gefahr 
bedeuten kann, Scheint auch aus den hier gegebenen Beispielen 
hervorzugehen. oo" 
Und doch Scheint dieser Freiheitsdrang zugleich einen Hinweis 
für die Behandlung zu geben: wo es zu offenen Störungen und 
Konflikten gekommen ist, wird die möglichst rasche Herausnahme 
aus der stiefelterlichen Familie geboten Sein. Das kann bei älteren 
Jugendlichen mit der Überführung in einen geeigneten Beruf 7er- 
bunden werden, wird aber bei zahlreichen anderen und bei Jüngeren 
Kindern nur dadurch möglich werden, daß das Kind auswärts in 
einer Familie oder in einer Schule untergebracht wird. Sieht man 
Sich einmal die Zöglinge der „freien“ Schnlen an, 80 wird man 
erstaunt Sein über die große Zahl von Kindern, die aus Dtiet- 
familien, oder aus unglücklichen, geschiedenen Ehen usw. Stammen. 
Leider ist diesger Weg für die meisten heute nicht gangbar: die 
Kogten gind zu hoch. Und man halte Sich gegenwärtig, daß die 
Herauslögung aus der. Familie, der Milieuwechsel allein nicht immer 
genügen, Sondern daß mit ihm eine Heilbehandlung verbunden Sein 
muß, welche die gestauten Affekte zur Abreaktion bringt, Span- 
nungen löst und Eingichbt in die Zusammenbänge -- eine AnpaSSung 
an die Realität bewirkt. Eine Solche Behandlung wird aber auch 
da durchzuführen Sein, wo der Milieuwechsel nicht möglich 1ist, 
er wird, begonders, wenn die Konflikte leichterer Art sind, auch 
unter diegen Verhältnisgen zur BesSerung und Heilung führen. Die 
Prognoge ist gut, und von den hier behandelten Störungen gilt in 
besonderem Maße, was Cimbal* von den Neurogen im Kindes- 
alter ganz allgemein Sagt, „daß Sie fast immer noch der Heilung 
zugänglich gind und bei planmäßiger Kräftigung und Führung 
Später in eine völlig gesunde oder gar gesteigerte Leistungskraft 
überzugehen vermögen“. 
. 1 Cimbal, Die Neurogen des Kindegalters 3. 5. Berlin, Urban & Schwarzen- 
berg, 1927.
	        

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