Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

160 D. Katz: 
ICh mich nicht, 80 harrt hier ein Gebiet der gemeinschaftlichen Be- 
arbeitung durch den Mediziner und Psychologen, das wie kaum ein 
anderes der medizinischen Psychologie den reichsten theoretischen 
und praktischen Gewinn verspricht. 
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In der Formel „durch Hunger und durch Liebe“, auf die der 
idealistisSche Dichter das Weltgeschehen gebracht hat, wird der 
Hunger der Liebe vorangestellt und für den psychologisch Ein- 
geweihten mit Recht vorangestellt, denn dem Hunger ist als. 
Willensmotiv der Primat gegenüber dem Sexualtrieb einzuräumen, 
einem Trieb, dem doch auch 8chon, wenn wir Freuds Lehre 
Glauben Schenken wollen, eine fast unwiderstehliche Gewalt in 
unsgerem Willensleben zukommt. Yiele Tiere, die man in den Z00- 
logischen Gärten in Gefangenschaft hält, büßen den Geschlechts- 
trieb gänzlich ein, 80 daß ihre Züchtung unmöglich wird, dagegen 
Sind fast bei keinem Tiere in Gefangenschaſt die KErnährungs- 
Schwierigkeiten unüberwindlich groß, das heißt doch, daß der Ge- 
Schlechtstrieb viel leichter von der Änderung der Umwelt- 
bedingungen geschädigt wird als der die Ernährung regelnde Hunger 
mit Seinen Appetitsrichtungen. Der Nahrungstrieb bestimmt die 
lebenden Wegen vom ersten Tag ihrer Geburt an, der Sexualtrieb. 
meldet Sich in der Regel viel Später, er tritt Seine Herrschaft erst, 
nach erfolgter Geschlechtsreife an. Tierversuche haben gezeigt, 
daß das Männchen, vor die Wahl gestellt, Seinen Sexualtrieb oder 
Seinen Hunger zu Stillen, fast ausnahmslos das Weibchen ver- 
Schmäht und Sich dorthin wendet, wo ihm Befriedigung Seines. 
beißenden Hungers durch Speise winkt. * Wenn man auch den - 
homo S8apiens nicht 80 leicht einem experimentellen Verfahren von. 
ähnlicher Schlagender Beweiskrait unterwerfen kann, 80 genügt 
doch Schon die etwas tiefer eindringende Analyse mensgechlicher 
Verhaltungsweisen, um festzustellen, daß auch hier unter Be-- 
dingungen, die einen Vergleich zulasgen, dem Nahrungstrieb eine 
Stärkere, nachhaltigere Wirkung als dem Geschlechtstrieb zu-- 
zuerkennen ist. Will man die Motivationskraft des Hungers für 
das mensgchliche Handeln bestimmen, 80 darf man freilich nicht von 
der Situation des wohlsituierten Kulturmenschen ausgehen, der 
unbedingt darauf rechnen kann, daß ihn zur bestlimmten Zeit ein. 
! Nan vgl. hierzu €, A. Moss, Stndy of animal drives, Journal of exp. Psycho-- 
logy Bd. 7, 1924. -
	        

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