Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 161 
out gedeckter Tisch erwartet, Sondern man muß Menschen be- 
obachten, die Sich in möglichst unsicherer Ernährungslage befinden. 
die den Termin ihrer nächsten Mahlzeit nicht anzugeben vermögen. 
Dann bricht die Stärke des Nahrungstriebs mit aller Macht durch. 
beim Individuum Sowohl wie im Leben der Völker. Der Krieg mit. 
der durch ihn verurgachten unsicheren Ernährungslage bot reiche, 
ja allzu reiche Gelegenheit, das Vordringlichwerden des Nahrungs- 
triebs bei kultivierten Menschen zu Studieren. In der Zeit der 
größten Nahrungsmittelknappheit ließ Selbst in den S80nst nur 
geistigen Dingen zugewandten Kreisen der Heimat die Sorge um. 
die Begchaffung von Lebensmitteln das Interesse für viele andere 
Dinge weit zurücktreten und der Soldat gewordene Bürger hat. 
unter den ungicheren Verhältnisgen der Front Seine Gedanken welt. 
mehr als er es im Privatleben zu tun pflegte (und als es eine zwar 
ut gemeinte, aber die tatsächlichen Verhältnisse nicht treffende 
idealiSierende Betrachtungsweise von der Heimat aus wahrhaben. 
wollte) der Frage nach der Aufspürung von Lebensmitteln zu- 
gewandt, wobei manche eine ganz ungewöhnliche Pindigkeit be- 
wiegen. Der Hunger in all Seinen Formen, wobei man den nach 
den mehr und mehr vergiegenden Genußmitteln nicht vergessen 
darf, hat wohl die ausschlaggebende Rolle bei der Zermürbung der 
Widerstandskraft des belagerten Mitteleuropas gespielt. Die Ge- 
SChichte berichtet uns von unzähligen Hungerrevolten und Hunger-- 
revolutionen, ja, es hat wohl kaum eine Revolution gegeben, die: 
nicht auch eine ökonomisgche, d. h. eine Hungerkomponente gehabt 
hätte, während uns von gleich häufigen und gleich umfangreichen 
Sexualrevolutionen nichts bekannt ist. Sogar Seine eben erhaltene 
Freiheit wollte das Volk gegen die Fleischtöpfe Agyptens wieder 
hingeben, als die Nahrung knapp geworden war. Mag im Leben 
des Einzelnen zeitweilig einmal das Sexuelle übermächtig werden. 
der Blick aufs Ganze des individuellen Lebens zeigt ebenso wie: 
eine kollektivistigche Betrachtungsweise den Vorrang des Hungers. 
bei der Willensbestimmung im Sozialen und Staatlichen Leben. 
Ökonomische Schwierigkeiten, Schwierigkeiten der Ernährung, 
hervorgegangen aus Übervölkerung der innegehabten Wohngitze, 
nicht aber Sexuelle Nöte, haben im Altertum gewaltige Völker-- 
massgen in Bewegung gegetzt, haben blutigste Kämpfe ausgelögt.. 
Erst der Fortschritt der Ziviligation mit Seiner unerhörten Vervoll- 
kommnung der Mittel zum Transport und zum Austausch von 
Waren hat zur Folge gehabt, daß das Hungermotiv nicht mehr in 
demsgelben Umfang wie früher größere Massen in Bewegung bringt.
	        

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