Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

162 D. Katz: 
Versagen allerdings aus irgend einem Grund die Transportmittel 
und die gewöhnlichen Austauschverfahren, 80 begibt Sich die Be- 
völkerung wieder, wie das rusSiSche Beispiel gezeigt hat, von dem 
Ort des stärksten Nahrungsmitteldrucks zu Orten Schwächeren 
Druckes, wandert aus den nördlichen ungastlichen Teilen nach den 
nahrungsreicheren Südlichen Wohngebieten. 
Liegen die Verhältnisse 80, wie ich Sie geschildert babe, kann 
man Sich der Anerkennung des Primats, den der Hunger vor der 
Liebe begsitzt, nicht entziehen, 80 ergibt Sich für den PSychologen 
als eine dringende aber auch dankbare Aufgabe, die Gegetze 
unsgeres Verhaltens unter Hunger zu bestimmen. chon Seit vielen 
Jahren bemühe ich mich um die Erkenntnis dieser GegSetze, Wobei 
Sich mir eine erstaunlich vielseitige Problematik des Hungers, 
Seiner Spezialigierung in den Appetitrichtungen 80wie der ihm 
pSYchologisch verwandten Phänomene ergeben hat. Nicht nur der 
angeborene natürliche Hunger, der die Versorgung des Leibes mit 
den für Seine Krhaltung unentbehrlichen Nahrungsmitteln über- 
wacht, Sondern auch der erworbene künstliche Hunger nach den 
Genußmitteln mehr harmloger Art und den Vverhängnisvollen Ge- 
nußgiften, der Sich als Folge ihres regelmäßigen Gebrauchs ein- 
zustellen pflegt, bietet dem Psychologen beachtenswerte Probleme. 
Wir betreten hier das Gebiet der Pharmakopsychologie. Die Nar- 
kotomanie, die Sucht nach schweren Genußgiſften wie Opium, 
Morphium, Kokain usw. hat in der Regel eine andere psychologische 
Wurzel als die Gewöhnung an Genußmittel wie Kaffee und Tee. 
Jene Genußgifte Sollten, ohne daß mit ihrer Benutzung zunächst ein 
pogitiver Genuß verbunden war, Schmerzlindernd und Schmerz- 
Stillend wirken, man hat gich ihrer in kranken Tagen bedient, um 
damit bestimmte Wirkungen zu erzielen, dagegen wurde und wird 
bei den Genußmitteln ursprünglich der pogitive Genuß und die 
dadurch bedingte unmittelbare Erhöhung des Lebensgefühls ge- 
Sucht, woran Sich Sekundäre Wirkungen verschiedenster Art 
anschließen können. Bei aller Verschiedenartigkeit in der ur- 
Sprünglichen Motivation des Gebrauchs von Genußmitteln und 
Genußgiften --- man gestatte einmal diese grobe Gegenüberstellung, 
obgleich ich weiß, daß ihre Durchführung im einzelnen beträcht- 
lichen Schwierigkeiten begegnet -- und bei aller Verschiedenheit 
Ihrer unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen haben beide 
Gruppen von otoffen doch das gemeinsgam, daß die Gewöhnung an 
SIC Sich zu einem „Kkünstlichen“ Hunger steigern kann, der gich in 
Seiner Stärke über das Verlangen nach echten, nach natürlichen
	        

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