Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 163 
Nahrungsmitteln weit erhebt. Man kann manches eben wegen 
dieges Stärkeverhältnisges, dann aber noch wegen anderer Sogleich 
zu nennender Gründe, leichter am erworbenen künstlichen Hunger 
als am angeborenen, natürlichen Studieren. Der künstliche Hunger 
nimmt zum natürlichen ein ähnliches Verhältnis ein wie der 
angeborene Reflex zum erworbenen. Ganz 80 wie uns der 
Mechanismus des vom Phygiologen gestifteten erworbenen Reflexes 
(Pawlow) einen aufschlußreichen Einblick in die Natur des 
Reflexes überhaupt gewährt, 80 dürfen wir von einer Untersuchung 
des künstlichen Hungers eine Aufhellung wichtiger Seiten des 
natürlichen Hungers erwarten. Die temporäre experimentelle Aus-. 
Schaltung von Genußmitteln und Genußgiften, an die man Sich 
gewöhnt hat, ist leichter durchzuführen als die entsprechende Aus- 
Schaltung der echten Nabrungsmittel, auch macht gie Sich relativ 
Schneller geltend. Das Studium der Folgeerscheinungen einer zeit- 
weiligen Enthaltsamkeit von Genußmitteln und Genußgiften erfolgt 
vorwiegend durch die Selbstbeobachtung resp. Erlebniswahr- 
nehmung, wobei allerdings auf die Beobachtung des „Behavior“ 
nicht verzichtet zu werden braucht. 
Mit der Selbstbeobachtung haben wir den ersten Zugangsweg 
zu dem von uns zu erschließenden Neuland pSsychologischer PFor- 
Schung, zu den Fragen des Hungers und Appetits genannt. Was 
iet eigentlich Hunger, was heißt Appetit nach dieser oder Jener 
Speise haben? Auf Solche Fragen kann nur die Krlebnis- 
beobachtung antworten. Und eine vorurteilsfreie an der Analyse 
anderer Ganzheiten geschulte Beobachtung wird mehr ergeben, als 
man auf diese Fragen in der Lehrbüchern der Psychologie meist 
angeführt findet. Man hat Sehr viel Mühe und Sorgfalt auf die 
Herausarbeitung der eigentlichen Geschmacksqualitäten und ihre 
Abgrenzung von andern Sinnegeindrücken, hauptsächlich denen des 
Geruchs verwandt, Untersuchungen, die als Solche zweifellos be- 
rechtigt und notwendig waren. Aber die vier Grundqualitäten des 
Geschmacks, denen die kritische Untersuchung allein noch An- 
erkennung zollt, Süß, Salzig, Sauer und bitter, Sie kommen Ja in 
der von dem Experiment erzwungenen Isolierung im wirklichen 
Leben 80 gut wie nie vor. Nicht von diesen „Elementen“ darf eine 
lebensnahe Untersuchung des Hungers und Appetits ausgehen, 
Sondern von den Ganzhbeiten, den Komplexen, die wir haben, wenn 
wir Speisen genießen, wobei unter Speise alles verstanden werden 
Soll, was in natürlichem oder zubereitetem Zustand unsgerer Lr- 
nährung dienen kann. Speise kann also rohes Obst, kann Brot, 
Zeitschrift für Iinderforschung. 34. Band. 12
	        

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