Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

164 D. Katz: 
kann die raffiniert zubereitete Pastete eines Kochs von Weltruf 
Sein. Speisen werden von uns zur vtillung unseres Hungers 
begehrt, nicht aber geht unser Wille auf die Herstellung von Ge- 
Schmacksgeindrücken. Das Begehrtwerden ist für den Hunger 
charakteristisch, das Streben nach einer Begeitigung eines Zu- 
Standes, der als lästig, unangenehm und in Seinen höchsten Graden 
als unerträglich empfunden wird. Man kann den Hunger nicht 
verstehen, wenn man ihn als eine StatisSche Angelegenheit be- 
trachtet, ihn als eine Empfindung ähnlich andern Empfindungen, 
wie etwa denen des Gehörs, des Gesichts 18W. anspricht, Was aller- 
dings von geiten der meisten Psychologen geschieht. Lassen wir 
einmal Kbbinghaus zu Wort kommen, der unter (berechtigter) 
Zusammentasgung von Hunger und Durst folgende Angaben macht: 
„Sie kommen teilweise in Verbindung mit Hautempfindungen vor 
(Empfindungen von Trockenheit und Brennen beim Durst, von 
Druck in der Magengegend bei Sättigung) Sind Jedoch daneben 
auch als durchaus eigenartige Bewußtseinsinhalte anzuerkennen.““ 
Mag Sein, daß diese „Empfindungen“ auch gegeben 8Iind, wenn ich 
hungrig bin, aber die Beschreibung geht am Wesgentlichsten des 
Hungers, an Seiner ausgesprochen dynamischen Struktur vorbei. 
Sternberg, dem wir das Verdienst zuerkennen müggen, Sich mit 
den von uns in Angriff genommenen Problemen 80 erfolgreich wie 
wenig andere beschäftigt zu haben, hat vermutlich etwas von dieger 
dynamischen Struktur des Hungers einfangen wollen, als er aus- 
führte, daß Magenleere eine Art RKitzelempfindung herbeiführe, 
woher das unabwendbare Drängen des Hungers nach Stillung 
rühre. * Tatsächlich hat auch das Kitzelerlebnis einen dynamischen 
Charakter und nicht wie andere dem Tastsinn angehörige Erleb- 
nisSe, etwa das des Druckes, eine Statische Natur, indem in ihm 
eine Spannung Sowie ein Drängen auf ihre Begeitigung lebendig 
iSt, aber im übrigen hat das Hungergefühl nichts mit dem des 
Kitzels zu tun. * Im Hunger ist eine Spannung mitgegeben, die 
nach Ausgleich drängt; Solange 81e unbefriedigt bleibt, bringt gie 
Bewegungen in Fluß, sei es im Gebiet der Vorstellungen, Sei es, 
was noch ursprünglicher ist, im Muskelsystem. Das neugeborene 
1 H. Ebbinghaus, Grundzüge der PSychologie 4. Auß., 1. Bd., S. 435. Begar- 
beitet von K. Bühler, Leipzig 1919, 
? W. Sternberg, Das Nahrungsbedürfnis. Der Appetit und der Hunger. 
Leipzig 1913. | 
8 „Was im Seelenleben korrespondiert denn den Leistungen des Magens, des 
Darmes insgbesondere? Es ist mir unwahrscheinlich, daß ihre Arbeit lediglich im 
Sinrie der Sinnesempfindungen zum Bewußtsgem beiträgt“. -- „Wir wisgen, daß die
	        

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