Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 165 
Kind wird unruhig, wenn die Zeit Seiner Mahlzeit herangekommen 
iSt, die Unruhe Steigert Sich bei Verzögerung der Nahrungs- 
darbietung bis zum Bewegungssturm, der Sich mit beginnender 
Mahlzeit Sofort legt. Das Kind ist in bester „Stimmung“, wenn es 
gegättigt ist. Wer einen vollen Kindruck von der durch Hunger- 
Stimmung ausgelöSten Bewegungsunruhe erhalten will, beobachte 
Tiere in zoologischen Gärten, wenn die Vorbereitungen für ihre 
Fütterung getroffen werden; Selbst Tiere, die man 8onst in ver- 
menschlichender Weise als Phlegmatiker ansprechen möchte, toben 
dann in ihren Käfigen herum. Der Kulturmensch hat es gelernt, 
den Drang nach äußeren Bewegungen im Hungerzustand einiger- 
maßen zu beherrschen, aber was er nicht verhindern kann, das ist, 
daß die auf die Ernährung bezüglichen Vorstellungsmassen in Gang 
kommen. Vorstellungen von mehr oder weniger komplexen 
Situationen, die es mit Sättigungsvoigängen zu tun haben, 
drängen Sich dem Hungrigen auf, manchmal allgemeiner ihrer 
Värbung nach, manchmal, wenn der Hunger auf bestimmte 
Speisen gerichtet Iist, nach dieser oder jener Appetitsrichtung 
bestimmt. Je hungriger man wird, um 80 aufdringlicher werden 
diese Vorstellungen, um 8o lästiger können Sie dem werden, der 
Sich Ihnen durch Begchäftigung mit andern Gedankengängen ent- 
ziehen möchte. Je hungriger man ist, um 80 weniger S8spezifigch 
Sind die Speigen, die man als Stillmittel vorstellt, 80 wie man Sich 
bei der wirklichen Stillung des Hungers auch mit um 80 einfacheren 
Mitteln begnügt, je hungriger man ist. Nach meinen Beobachtungen 
beruht die ungewöhnliche Motivkraft des Hungerzustandes, wie er 
Sich normalerweise zwiSchen den regelmäßigen Mahlzeiten zu ent- 
wickeln pflegt, weniger auf der absoluten Stärke dieses Erlebnis- 
komplexes als auf der Hartnäckigkeit und Unentrinnbarkeit, mit 
der er auftritt. Seiner Intensität nach läßt Sich der Empfindungs- 
komplex bei normalem Hungerzustand in keiner Weise einem 
Stärkeren Schmerz an die Seite stellen, wie er etwa, um ein ver- 
gleichbares Beispiel aus dem Gebiet der Organempfindungen zu 
wählen, bei Kolik besteht, aber daß das Hungererlebnis ununter- 
brochen unger Bewußtsein bestürmt, das ist es, was uns Schließlich 
Bingeweide dem Menschen durch eine ganze Reihe höchst präziger Wahrnehmungen 
gegeben Sind, welche man mit Unrecht ohne weiteres unter die der Sinnesgempfindungen - 
oder der Gefühle eingereiht hat“. Ich glaube, daß man auch in diegen und anderen 
Ausführungen v. WeizSäckers,.die in einem Vortrag über den neurotischen Auf- 
bau bei den Magen- und Darmerkrankungen zu finden Sind, den Ausdruck der Un- 
zufriedenheit mit der vorherrschenden statischen. Betrachtung der einschlägigen Pro- 
bleme Sehen darf. (Deutsche medizinische Wochenschrift 1926.)- 
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