Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, inSbesonders beim Kinde. 167 
über das unmittelbare faktische Interesse, das Sie beanspruchen 
können, eine große Bedeutung für das Verständnis der geſfühls- 
bedingten Konstitution von Werten und Unwerten. Wer gegättigt 
iSt, vermag Sich Speisen nur noch in theoretischer, nicht mehr in 
blutwarmer voller Anschaulichkeit als Werte vorzustellen, wer von 
beißendem Hunger gepeinigt ist, betrachtet Dinge als begehrens- 
wert, die bei normaler Stimmung ekelerregend erscheinen können. 
Es gibt zahlreiche Werte, die gegenüber Stimmungswechsel nicht 
invariant Sind. Mit der Abhängigkeit der Werte von der jeweiligen 
Stimmung hängt zugammen, daß wir uns 80 wenig von zukünftigen 
Ereignissen, deren Beurteilung einer anderen Stimmung unter- 
worfen Sein wird, beeinflussgen lassen. Ich glaube, daß hier der 
Ausgangspunkt für eine individualpsychologische Beleuchtung des 
Grundproblems der Sokratischen Ethik liegt: wie kommt es, daß 
viele Menschen Sich 80 wenig durch ihr Wissgen um VoraussSichtlich 
zu erlebende Übel in ihrem Handeln bestimmen lassen? 
Wir unterscheiden Hunger und Appetit in der Weise, daß wir 
den Appetit auf bestimmte Speisen gerichtet denken, während der 
Hunger auf Sättigung schlechthin geht. Der Appetit ist wählerisch, 
nicht der Hunger. Ein Tier Sucht, durch geine natürlichen Instinkte 
geleitet, nach Futter zur Stillung Seines Hungers; der Fleischiresser 
vergucht Fleischnahrung aufzuspüren, wobei Sich die Fleischart 
innerhalb gewisSger Grenzen nach der zufällig Sich bietenden Beute 
bestimmt, der Pflanzenfressger kann mit Fleischnahrung nichts an- 
fangen, Sondern geht auf Pflanzenkost aus, wobei allerdings die 
Pflanzenarten innerhalb gewisser Grenzen wieder varlieren können, 
je nachdem wie die Natur gerade den 'Tisch gedeckt hat. Die Lehr- 
bücher der Zoologie mit ihrer Schilderung der Lebensgewohnheiten 
der Tiere enthalten in dieser Hingicht viel psychologisch verwert- 
bares Material, es ist ja die Ernährungsweise auch ein wichtiger 
Gegichtspunkt für die Systematisierung der Tiere geworden. Die 
Untergsuchung der Speisekarte der Tiere gibt uns Aufschluß über 
ihre natürlichen Appetitsrichtungen. Als Glied der Tierwelt 
nat auch der Mensch gewisse angeborene Appetitsrichtungen, wenn- 
gleich Seine Speisekarte einen ganz erstaunlichen Umfang hat; es 
Scheint Sich wie auf anderen Gebieten (man denke etwa an die 
Vielseitigkeit der menschlichen Hand im Gegengatz zu der 
Differenziertheit der tieriSchen Greiforgane *) auch auf dem der Er- 
nährung der Satz zu bestätigen, daß der Mensch ein wenig 
1 Man vgl. hierzu D. Katz, Der Aufbau der Tastwelt. Leipzig 1925.
	        

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