Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

168 D. Katz: 
differenziertes Wegen ist, daß er eine große Plastizität besitzt. Die 
Appetitsrichtungen des Kulturmenschen verraten, richtet man den 
Blick auf die fast zahllogen Speiserezepte, wenig von dem ihnen 
zugrunde liegenden natürlichen Plan, und doch ist ein Solcher Vvor- 
handen. Solange der Hunger nicht ungewöhnlich hoch wird -- und 
das ist Ja die Regel beim behüteten Kulturmenschen --, ist fast 
iinmer eine Appetitsrichtung Spezifischer Art gegeben, d. h. wir 
wollen nicht irgendetwas von den zahllogen prinzipiell möglichen 
Speisen esSen, Sondern wir haben Verlangen nach ganz bestimmten 
Speisen oder Kombinationen Verschiedener Gänge, wir möchten 
etwa FVleischspeisen oder Süßspeisen oder Gemüge oder Fisch u8Ww. 
Wir wollen von SPeZIiTtisScher Appetitsrichtung dann Sprechen, 
wenn das Verlangen temporär auf ein bestimmtes Gericht geht im - 
Gegengatz zu der chronischen beim Menschen Schwer bestimmbaren 
generellen Appetitsrichtung, die einer Art zukommt.“ Von 
individueller Appetitsrichtung soll die Rede gein im Hinblick 
auf die Ausprägung, die der Appetit beim einzelnen Individuum 
erhalten kann, etwa in dem Sinn, daß jemand vegetarische oder 
ſeischliche Krnährung bevorzugt. Die hier unterschiedenen 
3 Appetitsrichtungen (generell, Spezifisch, individuell) können in 
verschiedener Weise einander überlagert Sein, Sie können zuweilen 
In ganz überraschender Weise Kinengungen erfahren. 
Der Gegensgatz zu Hunger ist Sättigung und nicht etwa Appetit- 
loSigkeit. Sättigung ist ein normaler, nach Nahrungsaufnahme Sich 
einstellender und auch wieder vorübergehender Zustand, während 
Appetitlogigkeit ein pathologischer Zustand ist. Wer keinen Appetit 
hat, dem fehlt das Verlangen nach Speise, wie es Sich immer nach 
voller Sättigung einstellt, aber appetitlos braucht er dabei nicht zu 
Sein. Ks gibt Zustände, wo wir uns noch nicht als hungrig be- 
zeichnen können, wo wir aber bereit wären, eine ganz leckere Mahl- 
zeit doch zu uns zu nehmen. Nur etwas besonders Schmackhaftes 
kann uns dann locken, es besteht Appetit nach ganz guten Dingen. 
Wo höchste Sättigung an den begehrtesten Speisen eingetreten ist, 
da ist weitere Nahrungsaufnahme ausgeschlossen, da erzeugt die 
Vorstellung, man müsse noch mehr essen, Übelkeit oder Ekel. Diese 
Betrachtung zeigt uns, daß Appetit nach bestimmten Dingen gehr 
wohl in Unabhängigkeit von eigentlichem Hunger auftreten kann. 
Kommt es auch vor, daß Hunger verspürt wird, ohne daß von 
1! Beim „Alles-Vresser“ ist eben das kennzeichnend für die generelle Appetit- 
richtung, daß Verlangen nach gemischter Kost besteht.
	        

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