Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

PsSychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 169 
Appetit gesprochen werden könne? Nicht in gesunden Tagen, wohl 
aber berichtet uns die Pathologie von Solchen Fällen. 
Die Phänomene des Hungers und Appetits lassen Sich nach 
ihrem natürlichen Eintritt und Verlauf studieren, man kann aber 
auch ihre Abhängigkeit von versuchsmäßig bhergestellten Be- 
dingungen unterguchen, indem man die Ernährung eines Menschen 
planmäßig nach Ihrer quantitativen und ihrer qualitativen weite 
variiert. Ich habe angefangen, Verguche dieser Art zunächst einmal 
an mir Selbst durchzuführen. Man kann die Quantitäten der zu den 
Mahlzeiten gebotenen Speisen auf einen bestimmten Bruchteil, etwa 
auf die Hälfte, herabsetzen und hält diese Herabsetzung für einige 
Tage oder auch Wochen bei. Man kann auch g8onst eingehaltene 
Mahlzeiten ganz ausfallen lassen, ohne die zu den übrig bleibenden 
Mahlzeiten einverleibten Speisemengen zu erhöhen. vind das 
quantitative Änderungen der Ernährungsweise, 80 bedeutet es eine 
qualitative Änderung, wenn man bestimmte Arten von Speisen, die 
man S8Sonst regelmäßig zu nehmen pflegte, für kürzere oder längere 
Zeit ausfallen läßt. Um hier einige Hauptkategorien von SpeiSen 
zu nennen, 80 kann man etwa alle Fleischspeisen, alle Fischspeisen, 
alle Süßspeisen ausfallen lasgen oder man verzichtet für die in 
Frage kommende Zeit auf die Verwendung von Zucker, von Ge- 
würzen, von Genußmitteln wie Kaffee und Tee. Wie äußern S8ich 
für Befinden und Verhaltungsweigen, wie für die Art der auf die 
Ernährung bezüglichen Vorstellungen diese experimentellen Kin- 
griffe? Kine innerhalb gewisser Grenzen Sich haltende quantitative 
Kinschränkung Scheint gute Folgen für unger allgemeines Befinden 
zu haben, man fühlt Sich unbelasteter, frischer, geistig beweglicher 
als bei der Sonst üblichen gewohnbheitsmäßig durchgeführten 
dvättigung. Was Sich bei höheren Hungergraden als belästigende 
Unruhe gibt, das Steht in Seiner ersten Stufe als anregende Kraft 
durchaus noch auf der pogitiven Seite ungeres Erlebens. Es darf 
wohl als ein kaum noch bezweifelter Satz unserer Ernährungslehre 
hingenommen werden, daß im allgemeinen zu viel gegessen wird. 
Eine vernünftige Herabsetzung der Nahrungsmengen, worunter an 
dieser Stelle die Getränke mitverstanden Seien, hat eine stimu- 
lierende Wirkung, ohne die nachteiligen Folgen zu begsitzen, die von 
andern Stimulantien der geistigen Arbeit ausgehen. Man Könnte 
von einer tonischen Wirkgamkeit der Entlastung des Magen- und 
Darmkanals auf unger Seelisches Befinden Sprechen. Überaus wohl- 
wend wirkt die Befreiung von der Erschlaffung, die Sonst un- 
mittelbar nach überstandener Mahlzeit bei voller Sättigung eintritt.
	        

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