Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

172 D. Katz: 
entweder überhaupt noch nicht zu Spüren oder, Soweit er Subjektiv 
erkennbar ist, iSt er nicht unangenehm. Ich würde niemals auf den 
Gedanken kommen, Kola wegen Seines unmittelbaren Sinnlichen 
Genusses oder wegen der zu erwartenden mittelbaren Wirkungen 
zu nehmen, hier ist es vielmehr ausschließlich eine kühle ver- 
Standesmäßige Rechnung, die für den Gebrauch des Anregungs- 
mittels bestimmend wird: der Wungech, bei der Leistung nicht ab- 
zufallen. 
Was für die Genußmittel und Genußgifte besonders deutlich 
iSt, das Sich einstellende brennende Verlangen nach ihnen, wenn 
man Sich ihrer enthält, ist auch nachweisbar für alle Speise- 
Kategorien, die von charakteristisSchem Geschmack 8Iind und an die 
wir uns gewöhnt haben. Es Scheint demnach hier ein allgemeines 
Gesetz vorzuliegen. 
Ich vertrete hier eine Zweikomponententheorie des Hungers. 
Der Hunger hängt in Seiner Stärke oder wenigstens In der Leb- 
haftigkeit, mit der er Sich Geltung verschafft, nicht nur von innern 
Zuständen ab, Sondern auch von der äußeren vituation, in die man 
uns versetzt. Wir können mit Szymansgki beim Antrieb durch 
den Hunger die inneren antreibenden Kräfte und die äußeren effek- 
tiven Reize unterscheiden. " Hunger, über den wir zunächst hin- 
wegkamen, will Sich nicht mehr ignorieren lasSen, wenn einem 
leckere Speisen zu Gesicht kommen oder wenn ungere Na8e von 
Ihrem Duft getroffen wird und zwar hat es den Anschein, wie wIr 
unten noch ausführen werden, daß bei Kindern das Hungererlebnis 
noch mehr von der äußeren Situation bestimmt wird als bei Er- 
wachsenen. Auch bei Tieren ist die verschiedene Wirksamkeit des- 
Selben Hungerzustandes je nach der äußeren Situation nachweigsbar. 
Experimente, die Zz. B. Fischel mit einer Graßmücke durch- 
geführt hat, beweisen es.“ Wird bei einem bestimmten Hunger- 
zustand einer Grasmücke ein ganzer Mehlwurm vorgelegt, 80 müht 
Sie Sich um dessen Erreichung weit mehr ab, als wenn nur einige 
otücke eines Mehlwurms Sichtbar werden und bei zwei Mehl- 
würmern leistet Sie gegen ein zu überwindendes Hemmnis mehr 
Arbeit als bei einem einzigen, Sie arbeitet mit mehr Kraftaufwand 
und Sie beharrt bei ihren Verguchen über längere Zeit. Ein 
niedrigerer Hungergrad wirkt in Verbindung mit einer größeren 
Sichtbaren Futtermenge 80 viel wie ein höherer Hungergrad mit 
1! J. Szymanski, Über den Antrieb. Biolog. Zentralblatt 39, 1919, 
? W. Pischel, Über das Gedächtnis und den Antrieb der Vögel. Z. €. vgl. 
Phys. 5, 1927.
	        

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