Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

PsSychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbegondere beim Kinde. 173 
einer kleineren gichtbaren Futtermenge. Ein beliebteres Futter 
wirkt bei gleichem Hungergrad stärker mobiligierend als ein 
weniger beliebtes. Man könnte hier in Analogie zu gewissen Ver- 
hältnisgen im Gebiet der Entwicklungspsychologie von der Wirk- 
Samkeit eines Konvergenzprinzips Sprechen, innere und äußere Fak- 
toren wirken auch bei der Regelung der Nahrungsaufnahme in un- 
auflösSlicher Weise zusammen. Allerdings wird jengeits einer 
oberen Grenze des Hungers der innere Faktor zum Alleinherrscher. 
Beim Menschen kann man bei leichtem Hunger nur durch begondere 
Leckereien eine Aktivität auslögen wie Sie Sich bei größerem 
Nunger durch spartanische Kogt bewirken läßt. R&v6gsz hat 
Sezeigt, daß Hühner bei gleicher Futterart lieber von einem großen 
als von einem kleinen Haufen Körner nehmen. * Verguche, die 
neuerdings im Rogtocker PSychologischen Ingtitut durchgeführt 
worden Sind, haben ergeben, daß Hühner bei gleichem Hunger- 
grad auch von einem großen Haufen absolut genommen mehr 
picken bis zur vollen Sättigung als von einem kleinen. 
Die triebhaft zum Ausbruch kommende Wirkung starken 
Hnngers bei verführerischer äußerer Situation hat den Gesetzgeber 
bestimmt, Sogenannten Mundraub als das leichteste Vergehen an- 
zusehen, das er am ehesten bereit ist zu entschuldigen, nicht aber 
den Diebstahl von Nahrungsmitteln in Mengen, die über das zur 
unmittelbaren Sättigung Nötige hinausgehen. 
Der erwachsene Mengch ist beladen mit unzähligen durch Ge- 
wöhnung und Erziehung bestimmten EBß- und Trinkgewohnheiten, 
welche die entsprechenden temporär eingetzenden Spezifischen 
Appetitsrichtungen zur Folgs haben. Das igt natürlich zu berück- 
Sichtigen, wenn man Sich etwa die Aufgabe Stellt, die natürlichen 
generellen Appetitsrichtungen des Mengchen zu ermitteln, beim 
Menschen liegen eben in dieger Hingicht die Dinge wegentlich ver- 
wickelter als beim frei lebenden Tier. Speisegegetze und Speige- 
gewohnheiten, die Sich entweder mehr durch die Macht unpergön- 
licher Tradition oder mehr durch planmäßige Erziehung auswirken, 
* G. Revesz, Tierpsychologische Untersuchungen. Z.f. Psychol. Bd. 88, 1921, 
? Nach Versuchen von Herrn Bayer, die mit Mitteln der N otgemeingchaft der 
Deutschen Wisgenschaft durchgeführt werden. -- Dieger verpsychologische Befund 
dürfte mutatis mutandis auch für Menschen Geltung häben, wenigstens für golche 
mit dem gesegneten Appetit, wie man ihn bei Jugendlichen antrifft, die im gehnellen 
Wachstum begriffen Sind. Kranke mit geschwächtem Appetit werden eher bei kleinen 
Portionen zulangen, da ihnen großen gegenüber ihre Inguffizienz zum Bewußtgein 
kommt und den Appetit verlegt. In Kliniken wird golchen Patienten häufig das 
- KÜssen in kleinen Portionen aufgetragen.
	        

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