Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

174 D. Katz: 
modifizieren die Richtungen des Appetits in einem ganz außer- 
ordentlichen Umfang, 80 daß von dessen ursprünglichen Formen 
nur noch wenig mit Sicherheit festgestellt werden kann. Den 
Mohamedanern und Juden ist der Genuß von Schweinefleisch 
religionsgesetzlich verboten, und es gibt kaum eine ältere Religion, 
die nicht ein kompliziertes Speise- und Eß-Zeremonial entwickelt 
hätte, das, 80weit die Einrichtung der Opfer bekannt war, mit dem 
Opferzeremonial in engster Verbindung stand. Möglich, daß alle 
diese religiögen SpeisegeSetze und Speiseverbote ursprünglich eine 
magiSche Seite haben, Sie werden doch Jetzt nicht mehr von den- 
jenigen, die Sie befolgen, als magisch, Sondern als religiös ver- 
ankert erlebt. Neben die religiöSgen Bindungen, die Kssen und 
Trinken beeinflusSen, Stellt Sich die Macht des nicht-religiöSen 
SOgenannten traditionellen Speiseabscheus, desSsen Ursprung im 
Magischen auch in den meisten FYällen noch nachweisSbar Sein 
wird, ohne daß der aufgeklärte Europäer, der dem Zwang der 
Speisetradition fast unentrinnbar unterworfen ist, etwas von 
diesem Ursprung ahnt. Harmloger aber doch wirksam ist die 
Herrschaft der Nationalgerichte eines kultivierten Landes oder 
Seiner einzelnen Provinzen, der der einzelne Sich mehr gern als 
ungern unterwirit. Es Sei Schließlich erinnert an die zunächst frei- 
willigen, aber mit der Zeit gebieterisch werdenden Ordnungen, 
denen Sich manche Lebensreformer, wie Zz. B. die Vegetarier 
oder die Mazdaznan-Gläubigen verschreiben. Welches Sind gegen- 
über der Unzahl der Zufälligkeitsgestälten des Appetits, die 
Sich durch die Tradition und die freiwilligen Gewöhnungen 
der vorstehend geschilderten und anderer Arten herausgebildet 
haben, Seine ursprünglichen Formen, welches Sind die gene- 
rellen Appetitsrichtungen? So Schwer Sie auch zu trennen Sein 
mögen, es gibt hier ein Apriori der ursprünglichen Anlagen und 
ein APposterioril der Speiseformen. Das Apriori ist das Bedürfnis 
des Organismus nach bestimmten Mengen von Einweiß, Fett und 
Kohlehydraten, die nicht unterschritten werden dürfen, wenn 
-- auch bei völliger Arbeitsruhe -- die Existenz des Organismus 
dauernd garantiert bleiben 801. * Es gehört wohl mit zu den merk- 
würdigsten Einrichtungen des menschlichen und tierischen Or- 
ganismus, daß jenes PhySsiologiSsche Bedürfnis Sich in der Gegtalt 
des Appetits nach bestimmten Speisen geltend macht, durch deren 
Gehalt an diesgen drei Gruppen von Nährstoffen es befriedigt werden 
1 Kine gute Übergicht über das einschlägige Tatsachenmaterial bietet S. Morgulis: 
Hunger und Unterernährung. Eine biologische und Soziologische Studie. Berlin 1923.
	        

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