Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde, 175 
kann. I1st der Körper im phygiologischen Gleichgewicht, 80 Sorgt 
die Nahrungsaufnahme für völligen Ergatz der durch den Stoff- 
wechsel 80wie die etwa Sonst geleistete Arbeit verbrauchten Ma- 
terialien. Durch alle Verkleidungen hindurch, welche den Nähr- 
Stoffen von den Köchen der verschiedensten Länder und Nationen 
aufgezwungen werden, bringt es der Appetit doch fertig, das dem 
Körper gerade Nötige nach Qualität und Quantität aus den Speigsen 
herauszufinden, wie Zz. B. aus den Untersuchungen Ru bners her- 
vorgeht. * Man könnte diesen Tatbestand als Konstanzsatz der 
Ernährung und des Appetits bezeichnen. Es besteht eine gewisse 
Hoffnung, durch Versguche einen Blick in die psychologisch über- 
aus InteresSanten Auswirkungen des Konstanzgatzes zu erhalten, 
wobei Sich diejenigen Umstände, die Sich zunächst als Fehler- 
quellen erweisen, wie das für alle Fehlerquellen der Psychologie 
gilt, besonders aufschlußreich zu werden versprechen. Ich ver- 
Suche, das am Fall des traditionellen Speiseabscheus zu verdeut- 
Jichen. * | 
Wer bringt es in normalen Zeiten über Sich, Fleisch von 
Pferden, Hunden, Katzen und Ratten zu genießen? Natürlich: im 
Bewußtsein dessen, was man ißt, zu genießen, denn der Fall, daß 
man etwa in einem minderwertigen Wirtshaus eine dieger Fleisch- 
Sorten vorgesetzt bekommt und ahnungslos als eine andere ißt, 
Scheidet Ja aus. Man kann den Grad der Abneigung gegen ein 
Solches Beginnen durch ein Gedankenexperiment in der Weise .zu 
bestimmen verguchen, daß man jemanden auffordert, die Höhe der 
Summe zu nennen, gegen deren Auszahlung. er Sich bereit finden 
würde, mit vollem Bewußtsgein von der Sachlage eine aus dem 
Fleisch jener verpönten Tiere bereitete Speise, etwa einen knuspe- 
rigen Braten --- ich habe gefunden, daß die Spezielle Ausgestaltung 
des Gedankenexperimentes einen Stärkeren Anreiz zur gewisSen- 
haiten vSelbstprüfung des Aufgeforderten zur Folge hat --- zu Vver- 
Speisen, wobei man nach meinen vorläufigen Feststellungen bei 
manchen Personen zu Summen kommt, die bei den am meisgten 
verabscheuten Tieren (von den vier genannten ist es die Ratte) 
in vier- und fünfstelligen Zahlen auszudrücken wären. Da- 
bei bin ich aber fest davon überzeugt, daß nach Abgchluß eines 
dahingehenden Vertrags Sich die Unmöglichkeit Seiner Erfüllung 
 
 
1 Man vgl. hierzu z. B. M. Rubner, Der Nabrungstrieb des Menschen. Sitzungs- 
berichte der preußischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 1920. 
? Julian Hirgch, Über traditionellen Speiscabscheu. Zeitschrift f. Psychologie 
Bd. 88, 1912.
	        

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