Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

176 D. Katz: 
für die meisten Vertragsgegner herausstellen würde; viele, die Sich 
zur Ausführung des Vertrags anschicken würden, müßten wohl 
feststellen, daß ihnen unüberwindlicher Ekel die Kehle zu- 
Schnürt, daß gie keinen Bissen herunterbekommen, oder es würde 
bei einer zunächst gelungenen Vergewaltigung des Gefühls zum 
Erbrechen des Genossenen kommen. * Bs ist ja bekannt, daß Sich 
Schon Übelkeit bis zum Erbrechen einstellen kann, wenn man nach 
Genuß einer Speise erfährt, daß die 8onst beobachteten Vorschriften 
der Sauberkeit und Appetitlichkeit nicht in dem üblichen Maße ein- 
gehalten worden gind, ohne daß irgendwelche verbotene Zutaten 
Verwendung geiunden hätten. Pferdefleisch wird von der ärmeren 
Bevölkerung auch in normalen Zeiten bei uns gegessen, und es 
gibt Völker, bei denen Hunde, Katzen und Ratten durchaus als 
küchenfähig anerkannt Sind. Nur das aus irrationellen Gründen 
fließende Tabu, welches die westeuropäische Gesellschaft über das 
Fleisch dieser an und für Sich für die Ernährung verwendbaren 
Tiere verhängt hat, nicht eine Nichtbekömmlichkeit, die aus- 
probiert und allgemein festgestellt worden wäre, hat es zu dem 
g26wöhnlich unüberwindbaren Abscheu vor dem Genuß des 
FVleisches kommen lassen. Nichts als traditionelles Vorurteil ver- 
bietet uns, diese und andere Dinge für die Ernährung zu Ver- 
wenden, die Sich anderwärts der größten Beliebtheit erfreuen. Ein 
Verguch mit Kindern, die in dieser Hinsicht noch unbeeinflußt Sind, 
beweist, Sofern es eines Solchen Beweises: noch bedurit hätte -- hier 
iSt nämlich auch eine Aussag2e a priori möglich --, die Richtigkeit 
unserer Ausführungen. Man frage unbeeinflußte Kinder, 80 wie wir 
unsere gefragt haben, ob 8ie Lust hätten, einen Schönen Pferde-. 
Hunde-, Katzen-, Bärenbraten zu esSen: 8ie werden meist, ohne Sich 
zu beginnen, eine bejahende Antwort erteilen. Die Kinder g8ind 
übrigens nicht bereit, alles ohne Unterschied gleich gern zu essen, 
was man ihnen von bis dahin nicht bekannten Speisen anbietet. 
S0 trug der ältere Junge doch einige Bedenken, Fleisch vom Adler 
zu genießen. Befragungen dieser Art 8ind recht aufschlußreich 
bezüglich der Entwicklung von Speiseabscheu, der nicht traditio- 
nell bedingt ist. Woher kommt es, daß das Fleisch des Adlers 
abgelehnt wird? Man Frage Erwachgene, in welchem Maße Sie 
bereit wären, Fleisch von Solchen Tieren zu esgen, die nicht wie 
etwa Pferd, Hund und Katze von dem traditionellen SpeiSseabscheu 
1 Tag Scheint allerdings auch Heroen der Selbstüberwindung zu geben, die aus 
keinem andern Motiv als dem, ihre Willensstärke zu zeigen, einen Solchen Vertrag 
erfüllen. |
	        

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