Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

PSychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 177 
berübrt gind, weil gie als in ungern Gegenden nicht lebend als 
Fleischlieferanten überbaupt nicht in Frage kommen, als0 etwa 
nach der Bereitschaft, Fleisch von Elefanten, Giraffen, Affen, Peli- 
kanen, Zebras zu essen. Es muß sich natürlich um Solche Tiere 
handeln, die den Befragten einigermaßen ihrer Lebensweise und 
ihrer Bauart nach bekannt Sind. Es ergeben Sich bei Solchen Be- 
fragungen Sehr verschiedene Motive für die Ablehnung, von denen. 
gilt, daß gie Sich nicht alle auf Verwandtschaft der abgelehnten 
'Tiere mit Solchen Tieren beziehen, die dem traditionellen Speise- 
abscheu bereits unterliegen, und gerade diese neuartigen Motive 
Sind bedeutsam für das Verständnis der Wurzeln, denen der tra- 
ditionelle Speiseabscheu neben den bereits genannten magischen 
entsprungen Sein dürfte. Die Lebensweise der Tiere, ob „appetit- 
lich“ oder „unappetitlich“ Scheint dabei eine kleinere Rolle zu 
Spielen als ihre Krnährungsweise, insofern Pflanzenfresser den 
Fleischfressern vorgezogen werden, aber von einiger Bedeutung I1st. 
auch die Sanberkeit eines Tieres dafür, ob man es als prinzipiell 
für die Ernährung in Betracht kommend akzeptiert oder nicht. 
Die für den Laien Sehr unappetitlich erscheinende Lebensweise des- 
Schweines ist kein Grund gewegen, das gerade durch die Tradition 
Sehr geschätzte Schweinefleisch für die Ernährung zu entwerten, 
anderergeits ließ auch die Sprichwörtliche Sauberkeit des Pferdes. 
dieges Tier wegen Seiner Infamierung aus anderen Gründen nicht 
als Fleischlieferant Gnade finden. Psychologisch ist der Ekel, der 
aus dem traditionellen Speiseabscheu entspringt, von ganz anderer 
Struktur als derjenige, der in der Unappetitlichkeit der Zubereitung 
oder Anrichtung einer Speise wurzelt. Fröbes dürfte mit Seiner 
Vermutung im Recht gein, daß beim Genuß von „verbotenem“ 
Fleisch ein Angstgefühl mit im Spiele ist, was ja beim Ekel vor 
Speigen, die unsauber zubereitet werden, durchaus nicht der Fall 
iet. * Erhebungen der angedeuteten Art bei Kindern und bei. 
Erwachsenen Sind sehr wohl geeignet, uns wertvollste Aufschlüsse- 
über Speisegewohnheiten zu geben, die uns Jetzt als fertige und. 
zunächst nicht weiter ableitbare entgegentreten. 
Mit dem Problem des traditionellen Speiseabscheus Sind wir 
bereits auf völkerpsychologisches Gebiet vorgestoßen und haben. 
damit einen weiteren wichtigen Zugangsweg zu dem uns hier 
beschäftigenden Gebiet des Hungers und Appetits aufgeschlossSen. 
Von allen materiellen Einzelergebnisgen abgesehen, auf die wir 
hier. hoffen dürfen, ist im Zusammenhang der Analyse der Speise-- 
 
 
1 J. Pröbeg, Lehrbuch der experimentellen Psychologie Bd. 1, 8. 167.
	        

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