Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

178 D. Katz: 
gebote und BSpeiseverbote auch ein KEBinblick von größter all- 
gemeiner Wichtigkeit in die Konstituierung affektiv verankerter 
Verhaltungs- und Bewertungsweisen zu erhoffen. In der Tyrannei 
der Vorurteile bei ungerer Ernährung zeigt Sich 80 deutlich wie 
kaum an einer andern Stelle, daß affektiv verankerte Wertungen 
und Entwertungen Sich der Vverstandesmäßigen AuflöSung nahezu 
als unzugänglich erweisen. Wer gähe theoretisch nicht völlig ein, 
daß es nichts weiter als ein Vorurteil ist, nicht HundefleiSch zu 
essen, wer aber ließe Sich durch diese Kingicht dazu bestimmen, es 
zu esSen? "Theoretische Kingicht und affektiv verwurzelter Wert 
Scheinen nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden zu 
können, Scheinen inkommensurabel zu Sein. Nur stärkste Gegen- 
alfekte können den Affekt des Speiseabscheus vorübergehend über- 
rumpeln oder immer und immer wiederholte, über lange Zeit Sich 
ersStreckende verstandesmäßige Angriffe ihn zur Erweichung 
bringen. Bei sStarkem akuten Hunger, wie er durch 1- bis 2 tägiges 
FVasten bedingt ist, wird man Sich Schon zum Genuß mancher 80nst 
abgelehnter Speisen verstehen, wenn keine Garantie vorhanden 18t,. 
daß in absehbbarer Zeit andere Speisen zu baben Sein werden; noch 
deutlicher wird die Überwindung des traditionellen Speiseabscheus 
bei chronischen Hungerzuständen, bei eigentlichen Hungergnöten, 
wo der in den Kingeweiden wütende Hunger den stärksten Ekel- 
affekt zu überwältigen vermag. Ist in den Fällen von akutem oder 
chronischem Hunger eine Sättigung an Sonst verpönter Nahrung; 
möglich gewesen, 80 wird in der Regel starke Übelkeit die Folge 
der Überschreitung des Tabu Sein. Omne animal triste post 
coitum. Kin ähnlicher Umschlag der Stimmung ist nach Be- 
triedigung des Nahrungsbedürfnisses festzustellen, wenn der 
beißende Hunger an Sonst verabscheuten Speisen Seine Stillung 
gefunden hat. Soviel Sei über den Fall der Überrumpelung des 
traditionellen Speiseabscheus durch starke mit einer gewisgen 
Unstetigkeit einsgetzende Affekte gesagt. Um eine allmähliche 
Erweichung des vom traditionellen Speigeabscheu geleisteten 
Widerstandes handelt es Sich dann, wenn ein Individuum, das aus 
einer Gemeinschaft losgelöst wird, in dem bestimmte Speisegesetze 
beachtet werden, Sich mehr und mehr dem Vorbild anpaßt, welches 
die neue Umgebung gibt und Sich, wenn auch unter gewisgen 
inneren EKrschütterungen, von dem Zwang der alten Speisegegetze 
durch rationale Erwägungen: emanzipiert. Wie hartnäckig aber 
Selbst Speisegewohnheiten, denen nichts von dem Zwingend- 
Magischen der Speisegesetze religiöger Art anhaftet, erhalten
	        

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