Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 179 
bleiben, kann man daraus erkennen, daß Menschen, die auswandern 
und Sich, etwa in Übergee, eine neue Heimat Schaffen, eine größere 
Anhänglichkeit an die Speisen als an die Sprache der alten Heimat 
beweisen, 80 daß spätere Generationen, die nur noch die Sprache 
der neuen Heimat Sprechen, doch noch die Speisen nach den 
Rezepten ihrer eingewanderten Vorfahren kochen. Der Magen er- 
weist Sich Somit als anhänglicher als der Kopf. Was im vor- 
Stehenden für affektiv verwurzelte Speisewerte ausgeführt wurde, 
ilt auch für zabllosge andere im Affekt wurzelnde Werte, die 
höheren Regionen des Lebens angehören, wie etwa der Religion, 
der Ethik, dem Sozialen und künstlerischen Gebiet. Aber ich möchte 
glauben, daß Sich nirgends wie auf dem von mir hier behandelten 
Gebiet die weitgehende Unabhängigkeit der anerkannten Werte 
von theoretischer Eingicht 80 elegant und, wenn man will, unter 
Zuhilfenahme des Experiments demonstrieren läßt. Und hierauf 
beruht die große formale Bedeutung für das Verständnis der Kon- 
Stitution vieler Werte und ihrer Wirkung im Seelischen Getriebe, 
welche Untersuchungen auf dem Gebiet von Hunger und Appetit zu- 
kommt. Nn 
Nicht nur die Völkerpsychologie, Sondern auch die Soziologie 
Sollte für die Durchführung von Untersuchungen über GeschmacKs- 
richtungen interesSiert Sein, denn neben zahllogen andern Faktoren, 
welche die Gliederung der Gesgellschaft bestimmen, ist derjenige 
Ihrer Ernährungsweise Sicher nicht der unbedeutendste. Der Er- 
nährungspolitiker erfährt immer wieder, wie Versuche zur Regelung 
des Verbrauchs von Robstoffen au Widerständen Scheitern, welche 
in alten. Appetitsgewohnheiten wurzeln, gegen die Seine Be- 
mühungen direkt oder indirekt gerichtet Sind oder welche in Wand- 
Jungen des Appetits wurzeln, welche Sich ebensowenig aufhalten 
Jasgen wollen wie Entwicklungen der Kleidermode. Es mag noch 
S0 häufig darauf hingewiesen werden, daß viele Schichten der Be- 
völkerung in Deutschland den Fleischgenuß übertreiben, daß ein 
SO Starker Fleischkongum nicht nur nicht notwendig, Sondern 80gar 
Schädlich ist, man 1äßt Sich dadurch doch von dem durch lange 
Gewöhnung festgewurzelten übertriebenen Genuß von Fleisch nicht 
abbringen. Und wenn der enorm Zgegsteigerte Verbrauch von 
Weizenmehl, dem ein Rückgang des Verbrauchs von Roggenmehl 
gegenübersteht, geradezu zu einer Kalamität für die hauptsächlich 
auf Roggenproduktion eingestellte deutsche Landwirtschaſft führt, 
80 hängt das wohl weniger mit der ausprobierten größeren Be- 
kömmlichkeit des Weizenmehls in den In Frage kommenden YVer- 
Zeitschrift für Kinderforschung. 34. Band. 13
	        

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