Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

180 D. Katz: 
braucherschichten als mit andern Umständen zusammen, in erster 
Linie mit Seiner größeren Schmackhaftigkeit, aber auch damit, 
daß Schwarzbrot als Brot der Sozial weniger angegehenen Schichten 
betrachtet wird, daß man Sich durch Genuß des leichteren Gebäcks 
auch als der gehobenen Schicht angehörig erweisen oder doch 
fühlen will. Die oberen GegsellschaftsSchichten Sind weit mehr, als 
man bei den vorhandenen politischen Gegengätzen erwarten Sollte, 
wegweisend für die unteren: nicht nur nach vitte und Welt- 
anschauung, Sondern auch in den Gewohnheiten des Essens und 
'Prinkens. Es ist, wie allgemein in den für die Bekämpfung des 
Alkoholmißbrauchs IinteresSierten Kreisen anerkannt wird, erst 
dann Hoffnung auf eine gründliche Wendung zum Bessern Vor- 
handen, wenn in den Kreigen, zu denen man aufzublicken pflegt. 
die Trinksitten Sich ändern werden. Langsam Setzen Sich wie die 
Kleidermoden 80 auch die Kß- und Trinkmoden von oben nach 
unten Sinkend durch. Die richtunggebende Bedeutung der KBsitten 
iSt nicht ganz 80 deutlich, aber 8ie ist doch nachweisbar. BS ist 
klar, daß das bei fertig bezogenen Speisen deutlicher in die Er- 
Scheinung treten muß als bei den im Hause zubereiteten, weil hier 
die Wirkung in der Öffentlichkeit ja nicht ohne weiteres gegeben 
iSt. Sei es auch nur in der Form von gefärbtem minderwertigem 
Rogen, 80 will doch auch das Volk seinen Kaviar haben, weil Ihm 
die Weihen der vornehmen Gegellschaft verliehen worden Sind. 
Wie wenig .„Delikatessen“ würden vermutlich von dem Durch- 
Schnitt nicht nur der Masse, Sondern“ auch der eigentlichen Fein- 
SChmecker Selbst aufgespürt werden, wenn nicht von Entdecker- 
&enies, die es auch in dieser materiellen Sphäre des Lebens gibt. 
vorgearbeitet worden wäre. Bei absoluter Ehrlichkeit würden viele 
Menschen neu aufkommenden Delikatessen keinen Geschmack ab- 
g6ewinnen, die es ihrer Sozialen Pogition Schuldig zu Sein glauben, 
Ihre natürlichen Geschmacksabneigungen zu überwinden. Die 
Probleme, die wir hier aus der Soziologie des APppetits berührt 
haben, haben auch unmittelbar praktische Bedeutung. Die kluge 
Hausfrau weiß, daß Sie in Gefahr kommt, das Dienstpersonal zu 
verlieren, wenn Sie nicht Seinem Geschmack Rechnung trägt; Heim- 
weh einfacher Leute ist häufiger Eßweh nach den Gerichten der 
Heimat als Sehnsucht nach Haus und Verwandten, die man 
verlasSen hat. Auch das oben berührte Problem: wie kann 
man dem der deutschen Volkswirtschaft abträglichen Weizen- 
Import Steuern und der Gefahr der weiter und weiter gehenden 
Verdrängung des Roggenbrotes vorbeugen, ist ein ausgezeichnet
	        

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