Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 183 
vollständig ausgetrocknet waren. * Es Scheint für die ganze Tier- 
reihe von den Protozoen bis hinauf zum Menschen zu gelten, daß 
die Ansprüche, die an die Nahrung gestellt werden, mit steigendem 
Hunger zurückgeschraubt werden und daß Schließlich zur Füllung 
des Magens für die Ernährung gänzlich ungeeignete Stoffe eine 
Einverleibung finden; anderergeits Scheint durchgängig zu gelien, 
daß alle Tiere um 80 wählerischer werden, je bessere Nahrungs- 
mittel ihnen in Auswahl zur Verfügung gestellt werden. So hat 
beispielsweise W. Figschel gefunden, daß Tauben, denen er ein 
Mischfutter aus Erbgen und Gerste vorlegte, zunächst alle Erbsen 
heraussuchten und, nachdem das geschehen war, zwar weiter im 
Futter wühlten, aber nichts von der Gerste aufnahmen, obgleich 
Sie Sich in einem Hungerzustand befanden, bei dem sie früher gehr 
gern Gerste gefressen hatten. Solche Erfahrungen machen die Auf- 
Stellung einer Zweikomponententheorie des Hungers zur Notwendig- 
keit. Fischel hat nicht nur mit Tauben, Sondern auch mit Zeisig 
und Stieglitz Versuche angestellt, aus denen hervorgeht, daß nach 
vorübergehender oder dauernder Fütterung mit einem beliebteren 
Futter weniger beliebtes nicht oder nur zögernd gefressen wird. 
Während des Krieges Sind in Deutschland Streckmittel ver- 
wendet worden, die wie etwa Steckrüben nur noch einen mini- 
malen Nährwert besaßen und wenn in dem von Hunger viel 
Stärker gepeinigten Rußland Baumrinde in vermahlenem Zu- 
Stand dem Brot zugegetzt worden ist, 80 kam es auch hier auf 
Befriedigung des Magens an, dessgen Zustand Sich bei Füllung mit 
wenn auch unverdaulichen Stoffen weniger bemerkbar macht. 
Schrittweise wurde die Bevölkerung in Deutschland mit BesSerung 
der Ernährungslage wählerischer und wählerischer. Wozu Hunger 
den Mengchen bringen kann, zeigt, daß nach glaubwürdigen Be- 
richten in Rußland auch Fälle von bewußtem Kannibalismus vor- 
gekommen Sind, wenn auch manche Berichterstatter der Meinung 
Sind, daß nur psychopathische Naturen bis zum Genuß von 
Menschenfleisch geschritten Sind. Wir beobachten bei Tieren, daß 
mit zunehmendem Hunger auch andere als die für gewöhnlich in 
Gang gebrachten Sinne betätigt werden, indem die Aufspürung der 
Nahrung nicht mehr in der gewohnten Weige erfolgen kann. 
Wenn das nicht bilft, kommt es zu einem radikaleren Orts- 
wechgel. Auf dem Niveau, das der Mensch einimmt, kommt 
1 D. Katz und A. Toll, Die MesSsung von Charakter- und Begabungsunter- 
Schieden bei Tieren. Ztschr. f. PSychologie Bd. 93, 1923.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.