Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 185 
daß die Kinder Seine Annahme wegen der veränderten Appetits- 
richtung im Frühling ablehnten. 
Das, was Sich in unseren geographischen Zonen im Wechsgel 
der Jahregzeit nacheinander als Appetitsrichtungen regt, das hat 
an Stellen mit extremen Temperaturen Sgeine Stabilisierung ge- 
funden, 80 besteht beim Eskimo dauernd ein hochgradiges Ver- 
langen nach Nahrung von höchstem Fettgehalt (Seerobbenfleisch 
und Tran), während in den Tropen die vegetarische Ernährung die 
bevorzugte ist. Wer in Gegenden mit wesgentlich andern Kli- 
matigchen Verhältnisgen als die gewohnten einwandert, der unter- 
liegt nach kurzer Zeit auch dem Zwang, der Sich vom Klima aus 
geltend macht und paßt Sich mit Seiner Ernährung den neuen 
Umständen an. Es liegt hier ein bis jetzt wenig beachtetes Teil- 
gebiet der Geopsychologie Vor. 
In das Gebiet der praktischen Medizin ragen die Fragen hinein 
nach der Veränderung des Appetits unter Krankheit Sowie unter 
nicht-normalen aber noch nicht als pathologisch zu bezeichnenden 
Umständen. Bekannt ist, daß Sich bei Frauen in der Schwanger- 
Schaft ein Verlangen nach 80nst nicht begehrten oder gar VEer- 
abscheuten Dingen äußern kann 80wie Sich umgekehrt eine bis zum 
Ekel gesteigerte Abneigung gegen Sonst gern gegesSene SpeiSen 
einstellen kann. * Oft besteht eine kaum bezwingbare Abneigung 
gegen Sonst gern genommene Speisen wie Butter und Brot, Fleisch, 
Milch usw. oder umgekehrt ein brennendes Verlangen nach 8o0nst 
vergehmähten oder wenigstens gleichgültigen Nahrungs- und Ge- 
nußmitteln (Essig und andere gaure Speisen) oder eine Schon das 
pathologische streifende Vorliebe für ungenießbare Gegenstände 
wie Kreide und Erde. Nach einer Häufigkeitsstatistik, die von 
Kehrer aufgestellt worden ist, besteht in allen Fällen, in welchen 
überhaupt eine Abneigung zu konstatieren ist, eine Solche gegen 
Fleisch, Bier und Kaffee in 30 */,, in 25*/, gegen Mehlspeisen, in 
15 ?], gegen Gemügse, in je 10*/, gegen Kartoffeln und gegen Milch, 
in 5*/, gegen Käsge. Wir werden die hier konstatierbaren Ände- 
rungen des Appetits als Stimmungsmäßige in dem früher definierten 
Sinn ansprechen, wobei es Sich früher um temporäre, in diesem 
Fall um ehronische Stimmungen bandelt. Wie ist bei der 
Schwangeren diese Chronische Umstimmung zu erklären? Sie 
erfolgt offenbar infolge einer veränderten Zugammensgetzung der 
Gewebsgäfte, die durch den vom Embryo aus bedingten veränderten 
Stoffwechgsel herbeigeführt wird, aber wir wissen nicht, ob es Sich 
' Man vgl. hierzu z. B. Doederlein, Handbuch der Geburtshilfe Bd. I.
	        

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