Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, ingbegondere beim Kinde. 187 
gegunden Tagen nicht anrühren. Hierin äußert Sich ein überaus 
IinteresSanter Instinkt, dessen Ausbildung recht undurchgichtig ist, 
aus der Darwinschen Theorie ist er kaum verständlich zu machen. 
jus Spricht manches dafür, daß die Beobachtung medizinierender 
Tiere -- der einfachste und bekannteste Fall ist der des Gras 
fressenden Hundes --, auch die Menschen auf die Verwendung ge- 
wisSer medizinisch wirkender Stoffe gebracht hat. Es wäre lohnend, 
einmal eine Erhebung darüber anzustellen, wie weit auch noch 
jetzt Menschen bei einer Erkrankung die Neigung haben, gewisge 
Sonst nicht beliebte Stoffe zu nehmen, weil gie instinktiv eine 
bessernde Wirkung davon erhoffen. Daß es im Volk zahllogse 
autistigche Verfahren der Heilung auf „instinktiver“ Grundlage 
gibt, das ist bekannt, aber hier ist natürlich nur die Frage gegtellt 
nach Solchen Heilverfahren, die wirklich als Solche angesprochen 
werden können. ? 
Nachdem ich im ersten Teil dieser Untersuchung die all- 
gemeinen Probleme angedeutet habe, die Sich bei einem ersten Ein- 
dringen in das hier behandelte Gebiet zeigen, Sollen in diesem 
zweiten Peil einige Spezialfragen behandelt werden, die Sich in der 
Kinderpsychologie bezüglich des Hungers und Appetits ergeben. 
Ich halte mich dabei eng an die Behandlung, welche diese Fragen 
im Rahmen des größeren oben angeführten Werkes gefunden haben, 
das kürzlich von mir Semeinsam mit meiner Frau veröffentlicht 
worden iSt. 
1 Ein Solcher Vall iet mir von einem Kollegen mitgeteilt worden, dessen 
Schilderung hier erfolgt. .„Oktober 1925 erkrankte ich an Stomatitis ulecerosa. Ich 
begab mich Sogleich in Behandlung eines prakt. Arztes, der ein Jodpräparat zur An- 
wendung brachte (Pinselungen) . . . Gelegentlich kongultierte ich auch andere Ärzte, 
die aber auch nur deginfektorische Mittel verschrieben. Die Wirkung Sämtlicher 
Mittel war stets vorübergehender Art. -- Von November 1925 an verspürte ich, 80- 
bald ich meine Aufmerksamkeit auf die Mundhöhle richtete, einen Appetit auf kohlen- 
Sauren Kalk. J1ch hatte taktile und gustatorisSche Empfindungen (Anschauungsbilder) 
eines Kalkstückchens etwa von Bohnengröße und den Gedanken: das würde gut gein, 
wohl tun. Zugleich hatte ich die viguelle Vorstellung eines Solchen Kalkstückchens, 
wie man Sie in Kalkbergen liegen Sieht. Begonders wegentlich war im Erlebnis das 
Moment des Verlangens. des Bedürfnisses. Erst nach etwa 10 Tagen entschloß ich 
mich, aufs Geratewohl eim Kalkpräparat zu nehmen, ich erhielt zufällig Kalzan (Calcium 
natrium lacticum). Die Subjektive Wirkung war eine augenblickliche: nach Auflögung 
einer Tablette bereits Wohlgefühl, Gefühl der Befriedigung, die objektive Wirkung 
(Heilung der Entzündung) trat bei regelmäßiger Einnahme von täglich 4--5 Tabletten 
nach einer Woche ein. Rückfälle Schwacher Art, die zunächst noch folgten, werden 
Seitdem durch regelmäßigen Genuß von 3 Tabletten täglich vermieden. -- Selbstredend 
fehlte mir jede theoretische Begründung des Kalkverlangens, ich habe mich nie mit 
der Therapie der betreffenden Krankheit begchäftigt.“
	        

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