Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

188 D. Katz: 
Es zeigten Sich bei ungern beiden Knaben Sehr auffällige Unter- 
Schiede der APppetitsrichtungen und nach Lage der Dinge war an- 
zunehmen, daß diese Unterschiede angeboren und nicht durch Vor- 
bild oder Erziehung erworben waren. Beginnen wir damit, diese 
Differenzen zu Schildern, wie 8ie zur Zeit bestanden, als wir mit 
der Notierung der ersten von uns veröffentlichten Gespräche be- 
gannen. Es war das im Oktober 1925. Julius, der jüngere Bruder, 
war um diese Zeit ausgesprochener Fleischfresser und ist es auch 
bis auf den heutigen Tag geblieben. Es kam vor, daß er ein großes 
ihm zugeteiltes und auf Seinen Teller gelegtes Stück Fleisch, ehe 
es noch zerteilt werden konnte, mit der Hand packte und ein Stück 
davon abbiß oder daß er eine ganze Wurst, die auf den Tiseh ge- 
kommen war, ergriff und, ehe es verhindert werden Konnte, Seine 
Zähne in 8ie hineinbohrte. Kartoffeln aß er damals gern, Gemüge 
his auf Karotten Schätzte er nicht. Wenn er Karotten nicht 
ablehnte, 80 mag das damit zusammenhängen, daß ihm diese 
von frühester Zeit an gereicht worden waren und er 8ich 80 
an den Geschmack völlig gewöhnt hatte. Während es bei 
Theodor gar keine Schwierigkeiten machte, ihn zu bestimmen, 
ein neues bis dahin noch nicht gegessenes Gemüse zu Kkogten, 
das dann in der Regel in die Speisecekarte aufgenommen wurde. 
war es bei Julius 80, daß er ein ausgesprochenes Mißtrauen 
gegen neu auftauchende Gemüsearten und immer die Tendenz 
hatte, ein Gericht allein darum abzulehnen, weil es neu war. 
Hätte gich Julius in Seiner Ernährung und geinen Appetitsrichtungen 
durch Seinen älteren Bruder bestimmen lassen, der ihm tatsächlich, 
wie das ja auch S80nst die Regel im Verhältnis des jüngeren zum 
Älteren Bruder zu 8ein pflegt, in den meisten Lebenslagen richtung- 
weisendes Vorbild gewesgen Iist, 80 hätten diese ganz andere Sein 
müssen, denn bei Theodor bestand eine ausgesprochene Vorliebe 
tür Vegetabilien. Auch wir Kliern haben in keiner Weise der Vor- 
liebe unseres Jüngeren Sohnes für Fleisch Vorschub geleistet. In 
den ersten LebensJahren hielten wir darauf, daß die Kinder aus- 
Schließlich mit pflanzlicher Kost ernährt wurden, indem wir dieger 
von den Kinderärzten propagierten Ernährungsweise Rechnung 
trugen. Als dann mit der Zeit ein wenig Fleisch als Zukost zu 
Kartoffeln und Gemüge hinzukam, nahm Theodor diese Kost ohne 
weiteres an, aber man hätte nicht Sagen können, daß er nunmehr 
dem FPleisch irgendwie einen Vorzug gegeben hätte. Anders bei 
Julius, bei dem Sich mit der Zeit mehr und mehr eine Vorliebe für 
Fleisch durchsetzte. Neben den verschiedensten Sorten Puddingen
	        

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