Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 191 
Es liegt hier die Frage nahe, ob es gesetzmäßige Beziehungen 
zwiSchen der Körperkonstitution eines Menschen und Seiner Ge- 
Schmacksrichtung gibt. Ganz abgesehen noch von theoretischen 
Erwägungen ist die Beantwortung der Frage Ja auch praktisch 
unmittelbar von großer Bedeutung. Soll man bei der Ernährung 
des heranwachgenden Kindes den individuellen Geschmack berück- 
Sichtigen oder 801ll man ihn zu bekämpfen versuchen? Das letztere 
iSt wohl in den Fällen zu empfehlen, wo die Ernährungsweise durch 
Gewöhnung exzessiv zu werden droht, denn es gibt in GeschmacKS- 
Sachen bei Kindern eine ungemein weitgehende Gewöhnung. So 
Sind wir, wie Schon oben gesagt wurde, dem Verlangen nach Fleisch 
bei Julius, weil es uns zu weit zu gehen Schien, entgegengetreten 
und haben dafür andere SpeisSen, die, wie Süßspeisen aller Art. 
auch gern angenommen wurden, gegetzt. Umgekehrt haben wir 
Theodor etwas mehr Fleisch in Ihm zusprechender Form gegeben, 
als er bei völlig freigelassener Wahl wohl genommen hätte. Er 
gewöhnte gich an Geflügel und an anderes mageres Fleisch, während 
Julius eine besondere Vorliebe für 8ehr fettes Fleisch hatte. ES 
Schien uns zweckmäßig, den ursprünglichen Appetitsrichtungen der 
Kinder bei der Ernährung Rechnung zu tragen, da anzunehmen war, 
daß in diesen Appetitsrichtungen tief im Wegen der kindlichen 
Körperkonstitution verankerte individuelle Bedürfnisge zum Aus- 
druck kamen. Wenn wir zum Beweis der Richtigkeit ungerer An- 
nahme darauf verweisen, daß die Kinder bei der von uns gewählten 
Ernährung vorzüglich gediehen und von ernsteren Krankheiten 
verschont geblieben Sind, resp. die eingetretenen Krankheiten gut 
überstanden haben, 80 könnte man uns natürlich entgegenhalten, daß 
SIe bei einer ihren Appetitsrichtungen weniger Rechnung tragenden 
Ernährungsweise vielleicht noch besser oder doch wenigstens ebenso- 
Sut abgeschnitten hätten. Bei der Feststellung von gegetzmäßigen 
Beziehungen, wie wir 8ie hier erstreben, wird man Sich immer mit 
einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit begnügen müssen und 
kann nur die Hoffnung aussprechen, daß durch Beobachtungen von 
anderer weite der. Wahrscheinlichkeitsgrad erhöht werde. 
Läßt Sich für die Verschiedenheit der Appetitsrichtungen 
beider Kinder vielleicht in Erblichkeitsverbhältnisgen eine Erklärung 
finden? ES Sieht 80 aus, als wäre Theodor durch Geschmacks- 
richtungen geiner Mutter erblich beeinflußt, die eine Starke Tendenz zu 
-vegetarischer Lebensweise hat und als Studentin einmal zwei Jahre 
rein vegetarisch gelebt hat. Anderergeits könnte man bei Julius 
eine Stärkere Beeinflussung durch den Vater annehmen, der ein
	        

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