Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

PSychologische Probleme des Hungers und Appetits, insbesondere beim Kinde. 195 
Solange Solche nicht in Sein Gegichtsfeld gerät oder die Situation 
(der Anblick des gedeckten Tisches, die hörbaren Vorbereitungen 
Ger Mahlzeit in der Küche, der Geruch der angerichteten Speisen) 
den Gedanken an das Essen ihm aufdrängt. Ohne irgendwelche 
fegte Nahrung zu Sich zu nehmen, konnten unsere Kinder stunden- 
lang Spielen. Wurden gie dann an den gedeckten Tisch geholt, 80 
merkte man an der Art ihres Zupackens, wie groß das Nahrungs- 
bedürfnis ihres Körpers in Wirklichkeit war. Es geht nicht an, in 
derartigen Fällen anzunehmen, daß Kein Subjektives Hungergefühl 
bestehe, aber dieses Subjektive Hungergefühl Setzt Sich ohne äußere 
Hilfe, wie der Anblick von Speigsen Sie gewährt, nicht 80 leicht in 
ein Fordern von hungerstillenden Mitteln durch, wie das Durst- 
gefühl gich in Verlangen nach durststillenden Getränken äußert. 
Es muß erst zu viel höheren Hungerzuständen kommen, damit von 
Kindern Spontan nach Essen verlangt wird. Wir können hierfür 
ein Beispiel aus unsgerem wissgSenschaftlichen Tagebuch mitteilen. 
Am 15. Januar 1924, als Theodor 3 Jahre 2 Monate alt war, wurde 
folgende Eintragung in das Tagebuch gemacht: „Theodor mußte 
wegen eines Durchfalls zwei Tage Sehr diät leben. Er bekam nur 
Tee und ein wenig Zwieback. Als Vater am 15. Januar nach 
Hause kam, empfing Theodor ihn mit den Worten: Was hast du 
mir mitgebracht? Ki und Reis? Sonst ist er nicht hinter Solchen 
Dingen 80 Sehr her und fragt nach Schokolade, Kuchen und Bon- 
bons. -- Beim Aufwachen am 16. Januar 8agt er zu Seiner Mutter: 
3ib mir Wurzeln (Karotten) und Kartoffeln mit Sauce und Speise 
mit Saft. Theodor hat also damit gein ganzes gewöhnliches Menu 
entwickelt, was er Sonst des Morgens nie tut, wo er nur nach Milch 
und Kakao verlangt.“ Es ergibt Sich aus dieser wörtlich mit- 
geteilten Kintragung ungeres wissenschaftlichen Tagebuchs, daß 
erst zweitägiges Hungern den Effekt gehabt hat, den Wunsch nach 
Essen, und zwar nach s8ehr derber Kost, dazu zu ungewöhnlicher 
Zeit, zu wecken. 
Wir haben. oben ein Zitat aus dem Lehrbuch der Psychologie 
von Ebbinghaus über den Hunger angeführt, man erkennt 
leicht, daß Sein Inhalt durch eine ausgesprochen atomistische Ein- 
Stellung innerhalb der PSychologie bestimmt worden ist. Die Jetzt 
vordringende ganzheitliche Betrachtungsweise läßt uns auch be- 
züglich des Hunger- und Appetitproblems vieles wesentlich anders 
Sehen als früher. Beim Kind Scheinen Hungergefühle komplexlich 
in weit höherem Maße an bestimmte Situationen gebunden zu Sein 
als beim Erwachgenen, wie folgender Fall zeigt, der das Kind einer 
Zeiwchrift für Kinderforschung. 34. Band. 14
	        

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