Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

196 . D. Katz: 
bekannten Familie betrifft. Auf einem Schulausflug geriet ein 
Knabe von 5 Jahren, der von Seinem älteren Bruder mitgenommen 
worden war, von der Klasse weg, 80 daß er abends, als die Rück- 
fahrt mit der Straßenbahn angetreten wurde, nicht aufzufinden war. 
Das Kind blieb die ganze Nacht und den folgenden Tag bis zum 
Nachmittag verschwunden, bis es durch Schulkinder aufgefunden 
wurde, die man in der richtigen Erwägung mobilisiert hatte, daß 
Sich der Kleine vor Suchenden Erwachgenen fürchten und zurück- 
ziehen würde. Man machte nun die merkwürdige Feststellung, daß 
das Kind die ihm von der Mutter mitgegebenen Brote, die es in 
einer Blechtrommel bei gich trug, nicht berührt hatte, obgleich es 
doch durch ein etwa 24 Stündiges Fasten völlig ausgehungert Sein 
mußte. Auf die Frage der Mutter, warum es denn die Brote nicht 
gegessgen habe, erwiderte das Kind: die Mutter habe ihm doch ge- 
Sagt, es Solle die Brote essen, wenn Sie alle in der viraßenbahn 
zurückfahren würden. Man könnte nun Sagen, das Kind habe mit 
Rücksicht auf diesen Vorschlag der Mutter, den es als verbindliche 
Vorschrift aufgefaßt habe, die Brote trotz Sstärksten Hunger- 
gefühls nicht berührt. Ich möchte indessen annehmen, daß dem 
Kind, das aus der gewöhnlichen Ordnung Seines Tages heraus- 
2er1iSSen war, mit dem Fortfall der entsprechenden Situationen, mit 
denen das Hungererlebnis aufs engste verwachgen war, auch der 
Hunger gar nicht 80 lebhaft zum Bewußtsein gekommen ist. Der 
Zafall hat hier jedenfalls ein Sehr merkwürdiges und nach mehr als 
einer Hingicht gehr beachtenswertes Kinderpsychologisches Experi- 
ment durchgeführt. | 
Ks wurde oben mehrfach Sowohl vom individualpsycholo- 
giSchen wie vom völkerpsychologischen Gegichtspunkt aus die 
Vrage des traditionellen Speiseabscheus berührt. Seine Tradierung 
bei Kindern erfolgt auf dem Weg der Infamierung gewisser 
Speisen oder Nahrungsmittel durch die Autorität der Erwachgenen. 
Ganz anders als mit dem 80 entstehenden Sozialbedingten Tabu auf 
dem Gebiet der Ernährung steht es mit dem individuellen Speise- 
abscheu, der ohne, ja gegen den Willen der Umgebung des Kindes, 
Sich in Ihm entfaltet. Dafür können wir auch ein Beispiel aus 
ungerer Kinderstube mitteilen. Unsgere beiden Kinder haben eine 
bis zum Abscheu gehende Abneigung gegen alle Fischgerichte. 
Diese Abneigung besteht Seit etwa einem Jahr. Seit dieger Zeit 
weigern Sich die Kinder, Sich auch nur an einen Tisch zu Setzen, 
auf dem ein -- für 8ie gar nicht bestimmtes Fischgericht steht. 
Nötigt man Sie doch am Tisch Platz zu nehmen -- und wir hielten
	        

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