Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Psychologische Probleme des Hungers und Appetits, ingbegondere beim Kinde. 197 
es für richtig, ihnen in dieser Hinsicht keinen Dispens zu erteilen, 
damit gie nicht am fremden Tisch Ungehörigkeiten begingen --, 80 
halten gie Sich die Augen zu, um das Fischgericht nicht zu Sehen 
oder blicken von ihm weg. Begabt mit einem gehr feinen Geruchs- 
vermögen haben die Kinder immer Sehr bald heraus, ob In der 
Küche Figche zubereitet werden. Wie Sich diese Abneigung gegen 
Figehe als Nahrung herausgebildet bat, die man bei Kindern von 
der Kügte am wenigsten erwarten würde, Iist nicht mit voller 
Sicherheit zu Sagen, es iSt aber wahrscheinlich, daß gie zuerst bei 
Theodor entstanden ist. indem ihm wohl der Anblick und mehr 
,och der Geruch toter Fische widerstand, und Julius hat dann die 
Abneigung von dem älteren Bruder infolge der infamierenden Wir- 
kung Seines Verhaltens übernommen. Die Kinder hatten nicht den 
geringsten Widerwillen gegen lebende Figche, die Sie mit Interesse 
im Aquarium beobachteten, Julius S0gar gern in die Hand nahm. 
Hat Sich einmal beim Kind aus irgendeinem Grund ein Speise- 
abscheu ausgebildet, 80 Sieht Sich der Erzieher vor die Frage ge- 
Stellt, ob er das Kind von dem betreffenden Gang bei Tisch dispen- 
gieren oder aber darauf bestehen Soll, daß das Kind geinen Bkel 
überwindet. Generell läßt Sich diese Frage Schwer beantworten. 
Was den hier behandelten Speziellen Fall von Speiseabscheu an- 
geht, 80 haben wir die Kinder nie zu zwingen vergucht, Fisch- 
gerichte zu essen, ein Verguch, der vielleicht bei Theodor, wohl 
aber kaum bei Julius gelungen wäre. Wir bemerken, daß wir auch 
S0nSt wenig für Zwang in diesen Dingen übrig haben, Solange die 
Abneigung gegen gewISSe Gerichte nicht den Kindruck reiner 
Launenbaftigkeit macht. Was die Geneigtheit anging, neue auf 
den Tigeh kommende Speise zu kosten und in die SpeiSekarte auf- 
zunehmen, 80 zeigte Sich zwischen den beiden Kindern ein nicht 
übergehbarer charakterologischer Unterschied, indem Theodor Stets 
eine weitgehende Bereitschaſt erkennen ließ, neue Werte zu ent- 
decken, während Julius Sich stark kongervativ verhielt und grund- 
Sätzlich geneigt war, alles Neue abzulehnen. Anders verhielt er 
Sich gegenüber neuartigen Kombinationen von Speisen, die er Sich 
Selbst verfertigte, deren meigste uns Erwachgenen als ungenießbar 
erschienen. Über diese Neuschöpfungen kulinarischer GenüSSe 
durch Julius, die wir in großer Anzahl notiert haben, kann einmal 
zu 8päterer Zeit berichtet werden im Zusammenhang mit noch. 
anderen Fragen des kindlichen Appetits und Seiner pädagogischen 
BeeinflusSung. 
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