Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

202 A. Gregor: 
hänglich; der Anschluß an Kameraden und Vorgegetzten wird von 
pergönlichen Interessen bestimmt, wie unmittelbarer Vorteil überhaupt 
Stark im Vordergrunde Steht. In Form und Ausdruck Sind unsgere 
Zöglinge etwas plump und ungelenk, in ihrem Triebleben mehr durch 
die allgemeine Anstaltsmoral und Disziplin als durch feineres Sittliches 
Empfinden gehemmt, 80 daß es bei Portfall jener Momente zu un- 
mittelbaren Augbrüchen kommen kann. In allen Richtungen tritt die 
Unreife und Unfertigkeit zu Tage und spricht ein kindlich harmloger 
Zug an. | 
Als Ilustration für das Gegagte möge eine Schriftliche AuslasSung 
dienen, die mir ihr Verfasser zur Veröffentlichung in ungerem Zöglings- 
blatt, der Flehinger Schloßzeitung übergeben hat. Es handelt Sich um 
einen 19jährigen Jungen, der bereits mehrere Jahre in der Anstalt 
iSt und durch Pflichteifer und berufliche Tüchtigkeit als Schuhmacher 
Seine Kameraden übertrifft, in der Familie tonangebend ist, und durch 
Seine Zuverläsgigkeit und Seinen Ordnungssinn eine kräftige Stütze 
Seines Vamilienvaters bildet. Das durch diese Stellung begründete 
Selbstbewußtsein kommt deutlich zum Ausdruck. Klar tritt auch die 
naive Begschränktheit und Harmlogigkeit des Verfasgers hervor, Sein 
Sinn für Disziplin, eine natürliche Begscheidenheit, vor allem aber die 
bei dem großen Jungen rührende Kindlichkeit. Intellektuell Steht der 
Junge über dem Durchschnitt unserer Zöglinge und entspricht zweifel- 
Jos was Wissen und Bildung anlangt, durchaus Altersgenossen der 
gleichen Volksschichte außerhalb der Angtalt. 
Die Haugreinigerfamilie, 
Wie es eine Schreiner-, Schlosser-, Musikerfamilie gibt, 80 gibt es auch eine 
Hausreimigerfamilie. Ks ist dies zwar ein großer Begriff, befinden Sich doch nicht 
nur Hausreiniger, Sondern auch Korbmacher, Wäscher, KüchenjJungen, Sattler und 
Schuhmacher im diesem Tagraum. Man kann diese Yamilie also getrost mit einem 
kleinen Staate vergleichen, da 80 viele Erwerbszweige vertreten Sind. Daß unter 
Solchen Umständen manchmal etwas Zwiespalt herrscht, wird der geneigte Leger Sehr 
wohl begreifen. Solche Kämpfe kommen aber, zum Ruhme der Familie Sehr gelten 
vor. Deshalb ist es nicht zu verwundern, wenn Sämtliche Glieder dieses kleinen 
Staates zu einem Bunde zusammen helfen, wenn es gilt, Sich eim hehres Ziel zu stecken, 
und dieges, im Verein mit der Einigkeit, auch wirklich zu erstreben. Dem aufmerk- 
Samen Beobachter unserer Yamilie, wird und kann es nicht entgangen gein, daß die 
Gedanken und Taten der einzelnen Einwohner des Tagraums einem gemeingamen 
Zaele zustrebten. Hatte man gich doch in den Kopf gesetzt, und zwar äuf Anregung 
unseres werten Familienvaters, einen Teeabend zu veranstalten. Schon vor Weihnachten 
hatte man daran gedacht und den Kostenpunkt beim Bestellen der Weihnachtsgeschenke 
berücksichtigt, Der fehlende Rest wurde av Silvester noch zusammengelegt, und man 
konnte zu den Vorbereitungen schreiten. Herr Becker, unger Vamilienvater, erbot 
Sich, die Kucher Selbst zu verfertigen, und wir ließen ihn gewähren. Die Sache
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.