Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Zur Pädagogik des Krziehungsheims Schloß Flehingen 1927. 203 
wurde auf den 3. Januar festgelegt. Als der Tag gekommen war, wartete alles der 
Dinge die da kommen Sollten. Nachdem die Tische hergerichtet waren, wurde Tee 
und Kaffee aufgetragen und die Sache Sollte beginnen. Eben, als wir beginnen wollten, 
wurden wir durch den Beguch ungeres Herrn Professors beehrt. Er machte uns 
das Vergnügen und blieb einige Zeit in unserer Mitte. Der Kuchen war vortrefflich, 
und auch der Tee ließ nichts zu wüngchen übrig. Daher ist es Sehr begreiflich, daß 
eine fast beängstigende Ruhe herrschte. Nach der Unterhaltung, welche Sich über 
dies und jenes erstreckte. kam der gemütlichere Teil. Bei Musik und Tanz flog die 
Zeit dahin, bis uns die Uhr ans Bett erinnerte und wir ihrer Mahnung Folge leisteten. 
Als Schlußakt brachen wir in ein Hoch auf den Familienvater Herrn Karl Becker aus. 
Ein jeder war mit diesgem Abend zufrieden und Schlief mit der Hoffnung noch mehr 
Solche Abende bei Tee, Kuchen und Freunden zubringen zu können, ein. 
Emil 8. Schnhmacher. 
Aus dem oben gkizzierten neutralen Durchschnitt finden natürlich 
Abweichungen nach allen Richtungen und in allen Dimensgionen Statt. 
Wir gehen den Seelisch differenzierten, formgewandten, klugen, beweg- 
lichen, leichtsinnig oberflächlichen Zögling aus besseren Ständen neben 
dem niedrig organisierten, Schwerfälligen Proletarierkind, welches ein 
ungnädiges Schicksal um gSeiwe Jugendzeit beraubt, und bei dem wir 
erst in der Anstalt die Spuren des kindlichen Frohginns und An- 
lehnungsbedürfnisses zur Entwicklung bringen. Neben dem geistig 
hochstehenden Jungen, dessen Verwahrlogung den Weg zum Hoch- 
Staplertum geht, finden wir den Stumpfen Schwachsinn mit den Zügen 
der Verkommenheit und niedrigsten Vagabundentums. 
Hierzu treten entwickelnd, bildend, und bei zu Starker Kingeitig- 
keit wohl auch ausgleichend die posSitiven Erziehungseinflüsse der 
Anstalt mit ihrem Schul- und Religiongunterricht, ihre allgemeine 
Disziplin und Berufsausbildung, die Gemütspflege in der Familie und 
die Gruppenwirkung der Kameraden. Die älteren Zöglinge gewinnen 
an Haltung und Sicherheit, zeigen ein pogitives Verhältnis zu Beruf 
und Umgebung, fühlen ihre Überlegenheit über Jüngere Kameraden 
und werden zu Vertrauten und Stützen der Erzieher und Anstalts- 
beamten. 
Die Gefahren, welche in ungerem System liegen, Sind nicht zu 
verkennen. -Der Aufenthalt in einer Anstalt mit Jändlicher Umgebung 
führt zu einem Mangel an Weltkenntnis und Welterfahrung. Die er- 
reichten Erziehungserfolge lassen Sich draußen Schwer. behaupten, die 
Welt wird als rauh und ungerecht, undiszipliniert, anspruchsvoll und 
bratal empfünden. Nach der Entlassung ist daher eine Krisis zu über- 
winden, bei der manche Frucht der Anstaltserziehung verloren geht. 
Hs ist deghalb dringend zu empfehlen mit dem Dogma der Welt- 
abgeschiedenheit von Anstalten zu brechen, die Anstalts-
	        

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