Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

216 FE. Kleist: 
direkter Verbindung zum Leben im Strafhause Stand der Vortrag des 
Obermagistratsrats Knaut, Die Gefahrenzone der Anstaltserziehung 
und ihre Überwindung. Den Erziehungsstrafvollzug ließ man auf der 
Heilpädagogischen Woche außerhalb der Behandlung. In fast allen 
Reteraten zeigte es Sich, wie die Objekte der Heilpädagogischen Be- 
handlung kriminell besonders belastet und gefährdet Sind. Der Kr- 
ziehungsstrafvollzug Scheint aber Selbst in ersten Heilpädagogischen 
Kreisen noch nicht einmal dem Namen nach bekannt zu Sein. Und 
da die Öffentlichkeit an der Vorbereitung und dem Ablauf der Heil- 
pädagogischen Woche einen Starken Anteil hatte, die Kinbeziehung des 
Erziehungsstrafvollzuges aber gleichfalls nicht vornahm, ist wohl die 
VYolgerung berechtigt, daß auch Sie den Strafvollzug noch lediglich als 
ein „Winsperren“ betrachtet. Wie einfach man den Strafvollzug nimmt, 
zeigt die TatSache, daß gelegentlich ein Hilfsschullehrer, der weder ein 
Gefängnis von innen -- noch einen Gefangenen gegchen oder ge- 
Sprochen hat, einen Vortrag über Krziehung im Strafvollzug hielt! Be- 
zeichnend ist es auch, daß Gewerbelehrer Stoffpläne für Strafanstalts- 
Schulen formen, ohne einen Kinblick in die Zustandshaftigkeit und 
GesSamtverhältnisse der Gefangenen zu haben. Daß diese „Pädagogen“ 
Sich damit Selber desqualitfizieren, versteht Sich am Rande, zeigt aber 
die tatSächliche Kingcehätzung des Strafvollzuges durch die Öffentlichkeit. 
Wenn das, was in der HeilpädagogiSchen Woche an heilfürsorge- 
riSchen Maßnahmen gezeigt wurde, Allgemeinpflicht unserer Öffentlich- 
keit und ihrer Erziehungsinstitute geworden ist, dann wird gich zweiſfel- 
los mancher nicht mehr in Vergehen und Verbrechen verstricken, der 
heute hinter Schloß und Riegel Sitzt. Noch brauchen wir aber für 
manchen derjenigen, die gegenwärtig in den Strafhäusern Sind, heil- 
pädagogische Kenntnisse, Erfahrungen und Praxis. Hs erscheint 
mir dringend geboten, daß der Strafvollzug eine Bin- 
beziehungsSeiner Gegebenheiten inden kommenden Heil- 
pädagogischen Kongreß zentral anstrebt und daß die 
Heilpädagogik Sich des Strafvollzuges erinnert! Die Teil- 
nahme Sämtlicher Strafanstaltslehrer an den kommenden Kongregsen 
iSt notwendig und dürfte Segensreich Sein. 
Je besser die Anstalten die Hingewiesenen kennen und beurteilen 
können, desto Sicherer ist ihre Erziehungsarbeit fundamentiert, eine 
Arbeit, von der wir hoffen, daß alle Hingewiesenen über Sie bekennen, 
was neulich ein ehemaliger Gefangener brieflich tat, der nun geit fünf 
Jahren draußen ist: „Alle Stunden der Not will ich vergessen, und 
Ich kann Sie vergessen, was mich aber das Strafhaus lehrte, das kann 
und will ich nicht vergessen!“
	        

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