Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Gegschwisterschaft, Schultüchtigkeit und Charakter. 33 
„fast“, völlige Befriedigung. Was mich hierbei gehr stört, Sind die Schlechten 
Wohnungsverhältnisse, unter denen ich zu Hause lebe. Ich kann nicht 
meine Schulkameraden einmal einladen, und infolgedessen lehne ich auch 
Stets ab, wenn 8ie ein Solches Ersuchen an mich stellen. Was ich zu dem 
Verkehr eines meiner Kameraden mit Mädchen 8agen S8oll, das weiß ich 
nicht. Ich verachte diese, denn geistesbildend wird dieser Umgang wohl 
kaum wirken, und ich habe mich deghalb immer getrennt. Und zu Hause, 
da bin ich eigentlich infolge der Schlechten Wohnung auch nicht heimisch, 
obwohl es mir gehr Schwer werden würde, aus der kleinen, freundlichen 
Stube zu Scheiden. Von meinem toten Onkel habe ich einige Bücher geerbt, 
die ich Sehr gern benutze. Was das Verhältnis zwischen meiner Mutter und 
mir betrifft, 80 fühle ich mich in manchen Zügen mit ihr verwandt, aber was 
uns etwas trennt, ist ungere verschiedene Weltanschauung. Ich habe noch 
nicht gläubiger Christ werden Können, ich habe mir ein eigenes Weltsystem 
gebildet und durch andauernde Begschäftigung mit Solchen Dingen glaube 
ich auf den richtigen Standpunkt gelangt zu Sein. Ich beschäftige mich Sehr 
gern mit der Astronomie; Musik und Kunst befriedigen mich nicht nur, 
Sondern ich liebe Sie auch. Was das Verhältnis zu meinen Lehrern an- 
belangt, 80 ist es teilweise ein gutes, aber in manchen Fällen finde Iich, es 
könnte doch besser Sein. An einem Herrn Stört mich einergeits die Steife 
Vörmlichkeit, andergseits aber fühle ich mich auch zu ihm hingezogen. Ich 
verehre Zz. B. den Rektor, und es ist mir auch eine besondere Freude, in Er- 
innerungen an meine erste Schulzeit zu Schwelgen. Ich beschäftige mich 8ehr 
viel mit der Welt, in der ich lebe, und das zu ergründen, ist zwar nicht 
meine bäufigste, aber mit meine liebste Arbeit. Ich bin mit mir Selbst ziem- 
lich zufrieden. (Einziger Sohn.) -- 
ZwiSchen diesen Typen finden Sich, wie gesagt, Übergangs- 
formen, aber durchaus nicht bilden diese die Mehrheit. Es Scheinen 
Sich vielmehr gewisse Weisen der Selbstdarstellung gegensgeitig 
auszuschließen, 80 Typus I und IV, Typus Il und IV, Typus I] 
und V, während Zwischenformen zwisSchen 111 und IV, IV und V 
naturgemäß nicht allzu Selten Sind. Im ganzen ist es nicht Schwer, 
die einzelnen. Niederschriften den fünf aufgeführten Typen zu- 
zuordnen. Es Scheint, daß auch die Kinstellungen zu gich gSelbst, 
denen die Niederschriften entspringen, nur durch relativ geltene 
Übergänge verbunden Sind. Wer einmal zum Bewußtsein der 
eigenen Innerlichkeit erwacht ist, wird beim Gedanken an Sich 
Selbst nicht mehr an Seine körperliche Beschaffenheit zuerst 
denken. Wer einmal dazu gekommen ist, Sich verantwortlich zu 
fühlen für das eigene Verhalten, wird 8ein Urteil über die eigene 
Person weit untersScheiden von Seinem Urteil über andere Menschen 
und über Verhältnisse des Milieus. 
Welche dieser möglichen Einstellungen zu 8ich Selbst jemand 
einnimmt, und wie daraufhin Seine Selbstdarstellung und Selbst- 
beurteilung ausfallen, ist wohl in bobem Maße für Seine gesamte 
Zeitschrift für Kinderforschung. 34. Band. | 3
	        

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