Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Gegehwistergchaft, Schultüchtigkeit und Charakter. 39 
Jugend, die Jugend der gebildeten Stände mehr als die des Projle- 
tariats, und wie unser Material nahelegt, die Kinder der modernen 
kinderarmen Familie (0--1 Geschwister) mehr als die „natür- 
lichere“ Familie mit 4 Kindern. 
Hieraus würde verständlich werden, warum die Schweren 
Seelischen Erschütterungen der Pubertät, ihre Gefahren ins- 
begondere pädagogischer Art, früheren Generationen, wie es doch 
Scheint, weniger aufgefallen Sind. Weil die Kinderzahl der Fa- 
milien durchweg größer war, wurden die Einzelheiten der kind- 
lichen Entwicklung nicht nur weniger beachtet, Sondern verliefen 
die geelischen Reifungsprozesse auch einfacher und ungefährlicher. 
Ingbesondere vollzog Sich vielleicht erst in 3päteren und rubigeren 
Jahren Jene Bereicherung und Vertiefung des Erlebens, die sich 
heute oft Schon dem 14---17 jährigen auftut. ! 
Als mutmaßliche Urgachen dieser Verfrühbung bei geschwister- 
armen Kindern wird man mehreres aufzählen müssen: den häufigen 
und oft intimen geelischen Kontakt mit Erwachsenen statt Kindern, 
den Mangel an Gegellungs- und damit Ablenkungsmöglichkeiten, 
und (nicht zuletzt) den verminderten Antrieb zu objektiven 
Leistungen infolge mangelnden Wettbewerbs mit mehreren Ge- 
SChwistern und die damit ermöglichte Wucherung unfruchtbarer 
Vergenkung ins eigene Innere. 
Nächst den Gefühlserwähnungen Sind es moralische Selbst- 
beurteilungen, die den Niederschriften der geschwisterarmen 
Kinder Eigenart geben. Es bandelt Sich um Vergleiche des eigenen 
Seins und des eigenen Verhaltens mit Forderungen, die „die Eltern 
Stellen können“, oder mit Idealen, die (ohne namentliche Vertreter) 
als geltend angegetzt werden. Von den welbstdarstellungen des 
Typus II (Leistungen) Sind diese moralischen Selbstdarstellungen 
nur dadurch untergchieden, daß letztere auf die Frage hinauslaufen, 
vb die von Schule und Haus geforderten Leistungen erfüllt werden 
und erfüllt werden können; eine Scharfe Grenze zwisSchen Solchen 
Angsgprüchen an das Können und jenen PVorderungen an Sein 
und allgemeines Verhalten läßt Sich nicht ziehen, und Über- 
gangsformen Sind nicht immer Selten. Immerbin Iist nicht zu Ver- 
kennen, daß geschwisterarme Kinder Sich mehr unter allgemein 
moralischen Gegichtspunkten beurteilen, Kinder mit 3 und mehr 
1 Kein Zufall war es also, daß ein J. J. Rousseau, gSelbst Psycho- 
path, in dem Paris des Rokoko die Pubertät als Seelisches Phänomen und 
als pädagogische Krigis entdeckte.
	        

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