Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Gegchwisterschaft, Schultüchtigkeit und Charakter. 41 
im Zugammenhang des pergönlichen Lebens zukommt, ist es wesent- 
lich, auch diesen Faktor zu kennen. * 
b) Hat die Altersfolge der Geschwister eine Be- 
ziehung zu Selbstdarstellung und Selbstbeurtei- 
1ung? Beurteilen gich Erstkinder anders als mittlere Kinder; 
diese anders als Letztkinder? Vermuten könnte man Solche Be- 
ziehung einmal, weil der Klassgenplatz eine und zwar erhebliche 
Abhängigkeit von der Stellung des Kindes in der Geschwister- 
Schar zeigte, zum andern, weil die höhere oder tiefere Stellung des 
Kindes unter geinen Geschwistern Sich doch vermutlich im Selbst- 
gefühl, in der Selbsteinschätzung ausdrücken möchte. So könnte 
man (von A. Adlers Theorie aus) erwarten, daß Letztkinder 
relativ oft mit Sich Selbst unzufrieden Sind. | 
Diese Erwartung wird bezüglich der Knaben durchaus be- 
Stätigt, während gich bei Mädchen kein entsprechendes Verhalten 
nachweigen läßt: ein Befund, der auf die Ergänzungsbedürftigkeit 
der A dlersgcehen Theorie hindeutet. Nach dieser wäre grade bei 
Mädchen eine erhöhte Empfindlichkeit für Benachteiligung voraus- 
zuSetzen, wenn zu ihrer an Sich ungünstigen Pogition (nach 
A dler) die Kalamität, letztes Kind zu sein, hinzukommt. Unser 
entgegenstehender Befund zeigt, daß es auch charakterbestimmende 
Faktoren geben muß, die in ganz anderer Weise wirken als das 
„Minderwertigkeitsgefühl“, die vielleicht bei Mädchen stärker Vvor- 
handen gind als bei Knaben und überhaupt im Stärkeverhältnis 
zu jenem „Gefühl“ interindividuell variieren. 
Wir vergleichen zunächst die Selbstbeurteilungen (*/): 
87 Zz nz 
Knaben, eingeschwistrigs Kindar . . . 131g 31 61 8 
gl 12 69 19 
zweigeschwistrige Kinder. . . 1gg 50 50 0- 
212 25 7D 0 
991 0 100 0 
Mädchen, eingeschwistrige Kinder. . . 1g 13 72 15 
ol 5 86 9 
zweigeschwistrige Kinder . . 188g 25 50 25 
“ g1g 6 88 6 
gol 17 66 17 
1 Nahe liegt folgende Vermutung. Nimmt in einer Bevölkerung die 
eheliche Fruchtbarkeit ab, 80 wächst die Häufigkeit des unfruchtbar-reflek- 
vierten Typs einziger und eingeschwistriger Kinder. Damit wird eine Wand- 
lung des „Nationalcharakters“ eingeleitet, die Sich über kurz oder lang im 
öffentlichen Leben auswirken muß. Sollte die Jugendbewegung, die doch 
großstädtischen Ursprungs ist und in ihren Reihen überraschend viel 
Vertreter einer unfruchtbaren Reflektion enthält, ingofern durch die zu- 
nehmende Häufigkeit geringer Kinderzahlen in der Städtischen Oberschicht 
mitverursacht Sein?
	        

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