Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

c) A. Bugemann: 
Menschen bauen müsse, um eine Wisgenschaft im Vollsginn zu 
werden. Weder über das Ziel noch über die Mittel der Erziehung 
kann klar entschieden werden, 80 lange zweifelhaft ist, Ob 
und wie weit und in welchen Punkten die menschliche Persönlich- 
keit überhaupt durch die Umwelt gestaltet wird und werden kann. 
Allein trotz Solcher EKingicht hat die Pädagogik Selbst bislang 
weniges getan, um die Kenntnis der flexiblenvtrukturen 
des Menschen zu fördern. Zu einer „Pädagogischen Milieukunde“ 
in diesem Sinne liegen nur Angätze Vor -- Iich Suche 816 zu 
Sammeln und einen Grundriß dieser Wisgenschaft zu entwerfen *--, 
teils in der Psychologie, der Jugendkunde, der Sozlalpsychologie, 
teils in den SozialwisSensSchaſften und weiter abliegenden WissSen- 
Schaftsgebieten. Diese Versäumnis ist nicht ohne Folgen geblieben. 
Weil es an einer zugammenhängenden WissSenschaft von der Be- 
einflußbarkeit des Menschen feblte, hat die Vererbunsgs- 
forschung, auf eine Fülle empirischer Daten gestützt, die 
Möglichkeit der Erziehung ernsthaft in Frage stellen und ihr Jeden- 
falls unvermutet enge Grenzen Stecken können. AIl8 verschwindend 
gering erscheint vom Standpunkt des Erblichkeitsforschers aus die 
Wirkung der Umwelt und damit der Erziehung im Vergleich zur 
Rolle, die die Anlagen Spielen. Das hätte nicht 80 kommen 
können, wenn die Pädagogik auch von ihrer Seite her dasselbe Tat- 
Sachengebiet in Angriff genommen, eine Wisgenschaft von der Be- 
einflußbarkeit des Menschen durch gein Milieu entwickelt hätte. 
Vererbungsforscher freilich, die den Menschen und Seine Iin- 
dividuellen Gestaltungen nicht von engem Zzoologischen Standort, 
Sondern im Hinblick auf das Ganze menschlicher Wegengart (Seele, 
Gesellschaft, Kultur, Geschichte eingeschlossen) Sahen, konnten den 
Übertreibungen allzu begeisterter Rassebiologen nie verfallen. Die 
Tatsachen der Übung, Gewöhnung, Nachahmung, Suggestion ver- 
deutlichen ohne weiteres, daß das Milieu keinen geringen Einfluß 
auf das Verhalten und die dauernden LKigenscbaften der Indivi- 
duen hat. Die Krforschung der Vererbung geistiger Kigenschaften 
kann 802ar Selbst nicht zum Ziele gelangen, ohne auf diese Tat- 
Sachen gebührende Rücksicht zu nehmen. Nur völlige Unwissen- 
heit in psychologischen Dingen erlaubt, in der Ähnlichkeit von 
Kindern mit ihren Kliern bezüglich geistiger Interesgen oder Be- 
 
.* Vgl. des Verfasgers „Pädagogische Milieukunde I Ein- 
führung in die Allgemeine Milienkunde und in die Päd- 
3g0gIiSChe Milieutypologie“ Halle a. S. (H. Schroedel) 1927.
	        

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