Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Die minderjährigen Rechtsbrecher. 65 
Herz: auf der Brust, auf den Vorderarmen, Seltener auf den Händen; 
nacktes Weib und weiblichen Kopf auf dem linken Vorderarm, auf den 
Oberschenkeln, auf dem rechten Vorderarm und auf der Brugt. Auf 
der Brust kommen besonders häufig vor: Kreuz, Adler, Erdkugel und 
weiblicher Kopf. 
Fragt man die Minderjährigen nach den Motiven der Tätowierung, 
80 lauten ihre Antworten folgendermaßen: N achahmung der Kameraden, 
der Erwachsenen ; „wollte Sich ausschmücken“; „es gefiel“, „zum An- 
denken“, „an Liebe“, „Freundschaft“ um einem echten Gauner zu 
ähneln“, „alle tun ja 80“ usw. Einige können kein Motiv angeben : 
„S0“, Sagen Sie ganz lakonisch. 
KLinige unter den Minderjährigen beichteten uns, daß die Ab- 
bildung eines nackten Weibes oder weiblichen Kopfes zu dem Zwecke 
tätowiert wurde, um bei der Onanie ein reelleres Phantagiebild eines 
Weibes zu erzielen. Bei der Onanie wird der Arm mit dem Bilde 
betrachtet. „Wenn man das Bild betrachtet, ist es Süßer“, gestand 
uns ein Zögling. Mit dem Alter bemüht gich ein Teil der Minder- 
Jährigen, Sich der Tätowierung zu entledigen („mit Hilfe von rohem 
PVleisch: Abreibungen und Kompressen“). Diegelbe Tendenz beobachtet 
man nicht Selten auch bei hartnäckigen Rückfälligen, um bei künf- 
tügen PFestnahmen nicht indentifiziert zu werden. „Ein guter Gauner 
wird Sich nicht begudeln“ Sagen SIe dabei. | 
Wenn wir hier von der Tätowierung der Minderjährigen sprechen, 
80 erheben wir gar keine Ansprüche diese Frage irgendwie erschöpfend 
beleuchten zu wollen, wir berühren gie nur ganz beiläufig, möchten 
aber doch . einige ungerer Beobachtungen mitteilen, welche gewiß 
des weiteren einer genaueren Prüfung unterliegen werden. Diege 
Beobachtungen betreffen den Inhalt der Zeichnungen und ihre Aus- 
führung im Zugammenhange mit der intellektuellen Entwicklung der 
Minderjährigen und den Kigentümlichkeiten ihres Charakters. Nach 
unseren Beobachtungen kommt die Tätowierung bei Debilen häufiger 
als bei anderen Gruppen Minderjähriger vor; die Zeichnungen gind 
mit Sgeltenen Ausnahmen wenig zahlreich und Sehr unordentlich 
ausgeführt, eigentlich unbeendet. Originelle Zeichnungen haben wir 
nicht gesehen, am häufigsten kommen bei ihnen vor: Anker, Herz, 
Matrogenkopf und dergl. Die Armseligkeit des Inhalts der Zeich- 
nungen, ihre Schlechte Ausführung, ihre geringe Zahl lasgen gich, ab- 
geschen von der ägthetigchen Anspruchlosigkeit des geistig zurück- 
gebliebenen Minderjährigen, in bedeutendem Maße aus ökonomigschen 
Urgachen erklären. Aus dieger Gruppe rekrutieren gich vorwiegend 
Zeitschrift für Kinderforschung. 34. Band. - 5
	        

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