Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Geschwisterschaft, Schultüchtigkeit und Charakter. 3 
gabungen ohne weiteres einen Beweis für Vererbung zu gehen, als 
ob es kein Familienleben, keine Nachahmung, keine Erziehung 
gäbe. Gründlichere Forschung Sieht Sich hier vor die Aufgabe 
gestellt, Milieueinflügse und Vererbung zu scheiden, und das ist 
cht möglich bloß mit Hilfe angenommener VererbungsgesSetze 
(wie z. B. der Geltung einer auf Erblichkeit beruhenden KRorre- 
lation == 0,5), Sondern nur durch Eindringen in die Tatsachen und 
Gesetzmäßigkeiten des Milieus. Die mensgchliche Erblichkeitslehre 
bedarf, wie besonders W. Peters" gezeigt und betont hat, der 
Ergänzung durch eine planmäßige Milieuforschung. 
Andergeits muß Selbstredend auch die Milieuforschung alles 
zu Rate ziehen, was die Vererbungslehre an Sicheren Tatgachen ge- 
fördert hat. Im Grunde behandeln ja beide Wisgenschaften den- 
Selben Wirklichkeitsbezirk, untersucht doch die Vererbungslehre 
nicht die Übertragung Sichtbarer Eigenschaften, 80ondern der An- 
lagen zum Auftreten Solcher Bigenschaften unter geeigneten Um- 
weltbedingungen. Nicht manifeste Eigenschaften Sind erblich, 
Sondern Reaktionsnormen, Gegetzmäßigkeiten des Reagierens auf 
Milieufaktoren. Nur gehen beide Wisgenschaften denselben Sach- 
verhalt von entgegengegetzten Seiten: die eine von den Inneren, die 
andere von den äußeren Bedingungen her. | 
Als Aufgaben der Milieukunde ergeben Sich aus dem Gegsagten 
die Beschreibung der tatSächlichen Milieus (in Form der Milieu- 
typologie und der Zerlegung des Milieus in Faktoren bezw. 
Schichten nach Maßgabe der zur Milieuperson führenden Be- 
ziehungen), die Unterguchung der Milieuwirkungen und des Milieu- 
erlebens, die Ermittelung derjenigen wtrukturen des Menschen, die 
vom Milieu beeinflußt werden Können, die Abgrenzung dieger 
flexiblen Strukturen von inflexiblen und damit die Grenzziehung 
zwiSchen „Anlage und Milieu“. Es bedarf keiner langen Erörte- 
rung, daß Solche Grenzziehung mit dem gegenwärtig üblichen 
Schema des Persönlichkeitsaufbaus nicht auskommen kann. Durch 
die Zusammenarbeit von Vererbungslehre und Milieukunde wird 
vielmehr erst die Vorausgetzung geschaffen werden für eine Theorie 
der menschlichen Pergönlichkeitsstruktur. 
Wenn die Milieukunde in den Dienst der Pädagogik tritt --- als 
Pädagogische Milieukunde ---, übernimmt Sie zwei neue Aufgaben, 
deren erste Schon oben genannt wurde: die Grundlegung einer 
 
1 Vgl. u a. W. Peters, Die Vererbung geistiger Eigenschaften und 
die pSychische Konstitution. Jena 1925. 
1*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.