Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Die Beobachtungsklasse in Zürich, eine heilpädagogische Einrichtung. 79 
Auch das vierte der Kinder mit guter Prognose, es iet der Knabe mit Prahl-- 
Sucht, zeigt bei uns eine natürliche Bhrlicbkeit. Seine intellektuellen VYähigkeiten 
Stehen hinter der körperlichen Gewandtheit zurück. Mit Anerkennung der letzteren 
und mit Übung der ersteren hat Sich ein geeligeher Gleichgewichtszustand eingegtellt.. 
der für das Verhalten des Knaben von guter Wirkung igt. Der Bericht aus der“ 
großen Klasse lautet gut. 
Die beiden Kinder mit ziemlich guter Prognose gehören zu der Gruppe der im 
Unterricht Zerstreuten. Der Knabe leidet unter einer allgemeinen nervögen Schwäch- 
lichen Gegamtanlage. die Sich in Schlafstörungen, vagomotorisch bedingter zeitweiger“ 
Übelkeit, Kopfweh, Brechreiz bis Schwindel und Anfälligkeit anderer SinneSnerven, 
zeigt. Wir veranlassen einen mehrmonatlichen Kräftigungsaufenthalt in einem Er- 
holungsheim. Kine gewisse Müdigkeit zeigt er auch in unserer Klasss. Daneben 
aber arbeitet er nach Maßgabe Semer pSycho-physischen Kraft mit ordentlicher 
Konzentration. 
Beim Mädchen liegt die Situation insofern anders, als es körperlich gegund 1st 
und der Grund für Seine Zerstreutheit einesteils in einem Mangel an häuglicher Er-- 
- ziehung zu Suchen 1st, andernteils eine besonders geartete pSychische Kongtitution. 
vorliegt. Es besteht eine gewisse Hemmungslosigkeit im Vorstellungsablauf, Kritik- 
logigkeit dem eigenen Verhalten gegenüber, die genährt wird von einer oberfläch-- 
lichen rasch an- und abklingenden Affektivität. Daß es erziehungsfähig ist, beweist 
es durch das Aufhören des Bettnäsgens. In der großen Klasse Sitzend frönte es Seit. 
etwa zwei Jahren Sowohl tags wie nachts dem Kinnässen. In den ersten Wochen 
des Aufenthaltes in der Bk. läßt diege Unart nach, um während eines durch uns Vver-- 
mittelten Anfenthaltes in einem Kinderheim ganz zu verschwinden. 
Tn einem andern Gebiet ist ein gewisses gleichmäßiges Streben auch auf-- 
gegangen. Wir Schenkten ihm eine Sparkarte. Es ist Feuer und Flamme dafür und. 
bringt es bald zu einem Sparkassenheft, das Sich Seither mit kleineren und größeren 
Zahlen füllt. Der Bericht des Lehrers lautet ziemlich gut. Die Mutter findet eine- 
dauernde Besgerung im Nässgen und im kritiklogen Reden. Wir Sind gerade mit 
diesgem Kinde, trotzdem es nicht mehr in der Bk. Sitzt, in Stetem Kontakt. Wir 
Schen es mindestens zweimal wöchentlich, erkundigen uns nach Seinen Schulfort-- 
Schritten, üben dies und jenes unverstandene Schulproblem mit ibm und nehmen 
Anteil an Seinen Leiden und Freuden. 
Die Kinder mit einer befriedigenden und halbbefriedigenden 
Prognose (es Sind am Ende des ersten Jahres deren fünf), fallen unter 
die Kinweisungs-Gruppen: „Freches Betragen“; „Stehlen, vagabun- 
dieren“; „Große Hemmungslogigkeit der Motilität“ und „Stark ge- 
Störtes NervensysStem“. 
Der Knabe mit dem stark gestörten Nervensystem wird von uns als ein kon-- 
gtitutionell erregter Typus erkannt. Er reagiert dauernd aus einer gehobenen Grund- 
Stimmung heraus mit einem Übermaß von körperlicher Beweglichkeit und Gegchäftig- 
keit. Er ist wegen Seiner Munterkeit und Liebenswürdigkeit bei den Kameraden be-- 
Tiebt. Seine Umtriebigkeit bewegt Sich dank des gutmütigen Temperamentes nicht 
in agSozialen Bahnen. Seiner unterdurchgchnittlichen Intelligenz fällt es im Zusammen-- 
hang mit Seiner Willens- und Gefühlsart Schwer, das Lehrgut Seiner Klasse anf- 
zunehmen. Er bedarf individueller Führung und des Binzelunterrichtes. Zu Hause 
erfüllt er eine Menge Pflichten in guter Weise, Pflichten, die Seiner geschäftigen 
Art liegen. Er muß z. B. wöchentlich eine Zeitschrift in etwa 200 Fannlien tragen,.
	        

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