Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

:80 NM. Sidler u. W. Moos: 
das Geld dafür- einkasgieren und fehlerlos abliefern. Oder er besorgt für die Schneiderei 
:Seiner Mutter Einkäufe verschiedener Art, die alle etwas Xachkenntnis im Gebiet der 
Knöpfe und Spitzen verlangen. Dank einer ordentlichen körperlichen Gegundbeit 
während Seines Aufenthaltes in der BK. leistet er dies alles ohne Schlafstörungen. 
Da er am Schluß des Sechsten Schuljahres angekommen 1ist, muß er vergetzt werden. 
Wir empfehlen ihn möglichster Schonung; wir hoffen, er werde in eine kleine Klasse 
'eingewiesen werden und gich darin halten können. Der Bericht des Lehrers lautet 
.aber nicht günstig. Der Knabe störe unter 23 Schülern zu Sehr mit Seiner Geschäftigkeit. 
Fs fällt uns anläßlich eines Schulbesuches in Seiner neuen Klasse Sein Schmächtiges 
'Gegicht, ein nervöges Wimpern- und Mundwinkelzucken auf. Wir werden mit den 
Dltern in Verbindung treten und eine Änderung der Schulung zu erreichen Suchen. 
Der bewegungshungrige Knabe ist auch bei uns unermüdlich mit Bleistift, Schere, 
Mesger, Papier oder bloß mit den VWingerspitzen beschäftigt. Aller nar oraler Unter- 
richt fesselt ihn wenig. Seine Intelligenz wird durch ein triebhaftes Interesse ge- 
leitet, die willkürliche Aufmerksamkeit ist Sehr gering, Die Diagnose lautet auf 
PSychischen Infantilismus, der in der Anlage bedingt ist. Es kann ihm in der an 
Schülerzahl kleinen Bk. indiviquell geholfen werden, ohne daß geine Schwierigkeit 
behoben werden könnte. In der großen Klasse, in welcher er vorher gaß, war er 
ein zu Sehr sStörender Schüler. Sein häusgliches Milieu ist aber nicht derart Schlecht, 
'daß Sich eine Heimversorgung gerechtfertigt hätte. Auch gehört er nicht in eine 
Spezialklasse für Debile. Er bleibt bis zum Schlusse des gechsten Schuljahres bei 
uns. Gegenwärtig verbringt er Sein letztes Schuljahr in einer 80ogenannten Abschluß- 
Klasse, in welcher er nicht zu den „leichten“ Schülern gehört, aber in welcher er 
:Sich dank der kleinen Schülerzahl halten kann, 80 daß Seine Leistungen mittel bis 
ziemlich gut Sind. In den reich bemessenen Handarbeitsstunden, welche in dieser Klasse 
gegeben werden. Stellt er Sich gut au. 
Kin Sorgenkind ist das Mädchen, das unter der Marke „Stehlen, vagabundieren“ 
zu uns kam, Ls ist erblich Stark belastet. Seine Entwicklung zeigt abnorme geistige 
und nervöse Symptome. Hs ist in Jüngeren Jahren in einer Bauernfamilie auf dem 
Lande versorgt gewesen, da es zu Hange bei dem Jjähzornigen Vater und der gtief- 
Mutter nicht die richtige Behandlung erfuhr. Später verlangt der Vater das Kind 
zurück, Ws hält Sich ordentlich, Sodaß die Vormundschaftsbehörde keinen Grund hat, 
die elterliche Gewalt dem Vater des Kindes noch weiter zu entziehen. Zwei Jahre 
Später wird aber die Vormundschaſftsbehörde neuerdings auf das Kind aufmerksam 
„gemacht. Es ist elf Mal von daheim fortgelaufen, hat mehrere Male polizeilich zu- 
rückgebracht werden müssen. Die Begründungen des Yortlaufens Sind phantastisch 
erlogen. Es kommt dann zu uns in die Bk., hält Sich wiederum etwa zwei Jabre 
gut. iSt in der Schule eine mittelmäßige bis gute Schülerin, Schwänzt nicht, verrichtet 
ein ziemlich großes Pflichtenmaß in Hausgeschäften ordentlich, Sodaß wir es innert 
dieser Zeit wieder in eine große Klasse zurückgeben, mit dem pädagogischen Rate: 
Das Kind Sollte Vertrauen in die Umwelt fassen dürfen, da Selbstkritigch und vom 
Haänse aus unkindlich behandelt, wäre hin und wieder ein Verhalten, das 5 grad Sein 
läßt am Platze. Die innere Lebendigkeit Soll micht unterdrückt werden, wenn Schon 
ahre Produkte als Träumen, Faulheit, bizarre Auffassung in der Realität nicht hoch 
im Kurs stehen. Einem Zuviel stoßen die täglichen Schulanforderungen Ja Schon 
den Riegel. Unwirklichen Auffasgungen Sollte mit Geduld das Wasser abgegraben 
werden. Anerkennung der mancherlei guten und äußerlich exakten (was- die Form 
betrifft) Bewußtseinsleistungen, die bei dem starken Zug nach innen eine doppelte 
Leistung ja bedeuten.
	        

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