Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Die Beobachtungsklasse in Zürich, eine heilpädagogische Einrichtung. 81 
Das Kind wechselte wegen Wohnunggänderung der Eliern die Schule. Der neue 
Lehrer findet, das Mädchen Scheine noch keinen Begriff über den Zweck der Schule 
zu haben. Es entsprechen Seine Leistungen keineswegs der Begabung. Bei etwelcher 
Strenge werden die Leistungen besSer. Das Kind kauft eines Tages gegen die Er- 
Jaubnis der Eltern Kirschen und läuft ans Furcht vor dem Vater und Seimer harten 
Strafe einen Tag von Hause fort. -- Wir Sind gegenwärtig damit beschäftigt, das 
Mädchen in einfachere Verhältnisse auf dem Lande zu versorgen, es in einer ery- 
zieherigch wertwollen Pflegefamilie unterzubringen. 
Die beiden Knaben mit frechem Betragen zeigen Sich als ganz verschiedene 
Individualitäten. Beide kommen aus ungünstigen Erbverhältnissen. Der Vater des 
einen ist Alkoholiker, der des anderen Psychopath. Beide haben Stiefmütter, da die 
Väter die eigentlichen Mütter der Kinder wegen deren Unzulänglichkeit als Erzieherinnen 
nicht bei gich behalten wollten. Deri ältere der Knaben wird von uns als Psychopath 
diagnostiziert mit den Merkmalen eines Stimmungslabilen, reizbaren Charakters, einer 
abnormen Dauerbereitschaft zu unlustvollen Abwebhräußerungen und Verstimmungen. 
Wir können Seiner Art im Rahmen der kleinen Klasse Rechnung tragen und ihn hin 
und wieder zu ordentlichen Leistungen bringen. Am Sohblusse des Sechsten Schul- 
jahres erbebt gich die Frage Seiner weiteren Schulung Der Vater drückt einen 
Probemonat in der gehobenen Volksschulklasse durch. Der Sohn kann, wie Voraus- 
zugehen war, den Anforderungen nicht genügen und beendet nun Seine Schulzeit in 
einer ihm gemäßeren Klasse. Ihn werden wir über diege Zeit hinaus begonders im 
Auge behalten müssen, um womöglich immer dam zur Stelle zu Sein, wenn er 
irgendwo vergagt. Die Wahrscheinlichkeit, daß er bei zu ehrgeizigen Plänen vergagt, 
iSt gehr groß. Der jüngere der beiden „frechen“ Buben verhält Sich bei uns mir 
zu „brav“. Er Setzt den Versuchungen der Umwelt keinen Widerstand entgegen; 
wenn andere etwas anstiften, 80 holt er vielfach für Sie die Kastanien aus dem PYeuer, 
Es fäilt an ihm die nach innen gerichtete Art auf. Er ist in geinem Verhalten 
ähnlich, wie das auf das Land zu versetzende Mädchen. Bis jetzt Sind allerdings 
Schulschwänzen, Fortlaufen von daheim nicht vorgekommen. Seine Stiefmutter mmmt 
es mit der Erziehung Sehr gewissenhaft. Leider ist Sie gezwungen, an Stelle des 
Jiederlichen Vaters die wirtschaftlichen Mittel für die Familie zu beschaffen. Aus 
diegem Grunde bestärkten wir Sie in ihrer Absicht, den Knaben in einer guten 
Pflegefamilie in ländlichen Verhältmssen zu verSorgen. 
Es gehört mit zu den Aufgaben der Bk., die Schickgale ihrer 
Zöglinge zu verfolgen und in geeigneten Augenblicken helfend bereit 
zu gein. Dies Scheint uns nicht nur vom Standpunkte der einzelnen 
Individuen wichtig; die Erfahrungen mit ihren LebensSchicksalen Sollen 
uns in ungerer Diagnose und Prognose in Späteren Fällen Sicherer 
Machen. 
Bei den Sieben verbleibenden Schülern der Bk. (es traten wiederum 
fünf neuangemeldete ein, Sodaß die Anzahl für den Beginn des zweiten 
Jahres des Bk.-Begtehens zwölf Kinder ist) handelt es Sich um zum 
Teil gehr Schwere Formen von Psychopathie. und ASozialität. Die 
häuglichen Verhältnisse lassen bei einigen Kindern nichts zu wünschen 
übrig. Schulisch: Sind Sie in der Bk. für drei Jahre aufgehoben, 80 
daß erst in dem Augenblick eine Änderung der Lage einzutreten hat, 
Zoitschrift für Kinderforschung 24. Band. 6
	        

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