Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

82 M. Sidler u. V., Moos: 
wenn einer der bestimmenden Faktoren Sich ändert. Träte z. B. eine 
Verschlimmerung in der Krankheit ein, verschlechterten Sich die häus- 
lichen Kinflüsse, oder wirkte die Zusammengetzung der Bk. ungünstig, 
dann müßten wir anderweitige Maßnahmen veranlassen. 
Es ergibt Sich wohl Später Gelegenheit, über das eine oder andere 
Kind dieser Gruppe eingehend zu berichten. Wir Schließen ungere 
gegenwärtigen Ausführungen mit der ausführlichen Darstellung nur 
eines Falles, der die Bedeutung der Bk. als Schulischen Bewahrungs- 
ort neben einem günstigen häuslichen Milieu ins rechte Licht rückt. 
Das Kind Ida kommt uns zu mit der Bemerkung, es zeige in der Schule eine 
ganz außergewöhnliche Lebhaſtigkeit und Beweglichkeit, eine geradezu unheimliche 
nervöge Unruhe, Schwatzhaftigkeit und Zerstreutheit. Vorlautes Benehmen, Zank- 
Süchtigkeit Sind außerdem Sehr hervortretende Kigenschaften des Mädchens. Die 
Schülerin Stört die arbeitende Normalklasse beständig und weder Güte noch Strenge 
vermögen auf die Dauer viel zu fruchten. Es hatte eine Klasse, das dritte Schuljahr 
wiederholen müsgsen und zeigte Sich im Rechnen innerhalb Seines Lehrstoffes immer 
noch recht ungicher. 
Die Krbverhältnisse erweisen Sich als ungünstig. Der Vater lebt geschieden ; 
die Mutter ist keine Hausfrau; eine Schwester ist im einer Erziehungsanstalt ver- 
Sorgt. Ida kam Sofort nach der Geburt in ein Waisenhaus. Von dort her haben es 
die jetzigen Pflegeeltern im Alter von 2?/, Jahren übernommen und als einziges 
Pflegekind aufgezogen. Ks zeigte Sich Schon immer unruhig, laut, eigensimnmg und 
hatte ausgeprägte Erregungszustände. An Krankheiten machte es Keuchhusten, Mittel- 
ohrentzündung und Drügenanschwellungen durch. | 
Die Pflegeeltern gind in jeder Beziehung um das Kind besorgt. Sie bemühen 
Sich, es recht zu erziehen. Bie leiten es zu Begchäftigungen an, gie erklären gsich 
Sofort einverstanden, es in ein alpines Kinderheim zu geben und bezahlen die Kur- 
kosten. Gegenwärtig bebauen Sie Seimetwegen ein Stück Pflanzland und geben ihm 
Gelegenheit, in Sonne und guter Luft ein eigenes kleines Beet zu pflegen. In 
Nahrung und Kleidung ist das Kind gut versorgt. Diese aufopfernde und mühevolle 
Aufzucht des Kindes könnte kein Heim besser und erfolgreicher machen. Wir be- 
trachten es vom Standpunkt des Kindes aus als ein großes Glück, daß Ida Solch 
uneigennützige Leute gefunden hat. 
Bei uns ist Ida damm am geschlosgensten und zielsichersten, wenn ihr eine 
„bausfrauliche“ Tätigkeit übertragen ist, wenn Sie den Schrank aufräumen, die 
Blumen besorgen, den Boden wischen kann, Was die besondere Schulfertigkeiten 
anlangt, 80 iSt Sie gegenwärtig bestrebt, ihre Schriftlichen Arbeiten möglichst Schön 
zu Schreiben. Mit Stolz nimmt gie ihre Diktate,- die im allgemeinen wenig PFerler 
enthalten, m Kmpfang. Beim Aufsatzschreiben ist Sie meistens zuerst fertig. vie 
hat eine Menge Sätze geschrieben, aber das Ganze ist ungeordnet; Nebengachen 
Stehen im Vordergrund ; Sinnlogigkeiten bestehen. Zum Erzählen ist gie immer bereit. 
Aber was Sie erzählt, entbehrt des passenden Inhaltes, nur ganz äußerlich liegt eine 
ASsSozlationSähnlichkeit vor. Bei diesger psychischen Sachlage macht ein Rechen- 
unterricht naturgemäß große Schwierivkeiten. In hemmungsloser Weise gagt Ida 
irgend eine Zahl als Lögung einer Aufgabe. Sie Stimmt nicht im Entferntesten. Ihr 
iSt auf diesem Gebiet nur mit knapp dogierten Kinzellektionen beizukommen. Die 
Schriftlichen Operationen muß Sie mechanisch erlernen und Schr viel üben. Lassen
	        

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