Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Zehn Jahre Heilerziehung: 89 
die Heimschule, das Schulinternat, vermag Solchen völligen Um- 
gebung8swechsel zu verwirklichen. Sie Schaltet nicht nur abend- 
liche Rückfälle der Kinder aus, denen die arbeitserschöpſften Eltern 
nicht mit der nötigen Kraft und Begonnenheit entgegentreten 
können, vermeidet nicht nur die Gefahren der Straße und des 
Schwänzens, 80ndern 8ie löSt das Kind mit einem Schlage aus 
Seinen ganzen bigherigen Vorstellungen und Lebensgewohnheiten, 
nötigt es, Sich an neue PersSonen, neue Sacheindrücke zu gewöhnen 
und steigert durch Solche Innere Seelische Auflockerung geine Auf- 
nahmebereitschaft für alle ärztlich-erziehlichen Gegenwirkungen. 
Ohne hier in der Öffentlichkeit auf die Einzelheiten eines be- 
Stimmten Falles eingehen zu können, muß man im allgemeinen 
nach den Beobachtungen ungeres Heimes, ungerer „pädagogischen 
Klinik“, Dauermängel von vorübergehenden unterscheiden; bei 
diesen handelt es Sich entweder um S8o0genannte Entwicklungs- 
perioden, die Sich durch begondere Schwierigkeiten auszeichnen, 
die dann wieder abklingen, oder um 80genannte reaktive Störungen, 
also Antworten einer labilen bildSsam-Schwankenden Veranlagung 
auf ungünstige äußere Lebens- und Erziehungsbedingungen. Tritt 
der Wechsel im Wegen des Kindes 80 jäh auf, wie in dem hier be- 
Schriebenen Falle, 80 kann man ziemlich gSicher Sein, daß Solche 
reaktiven Störungen auf ungünstige äußere Lebensbedingungen 
vorgelegen haben, die es dann näher zu erforschen und womöglich 
zu begeitigen gilt, ehe man ein Solches Kind in die alten Ver- 
hältnisse zurückläßt. Dabei wird vorausgegetzt, daß der Junge Sein 
wahres Wesen nicht etwa nur versteckt oder noch unter dem eigen- 
tümlichen hemmenden Einfluß steht, den der völlige Umgebungs- 
wechsel auf Solche unfertigen jungen Menschen bisweilen augübt. 
Kann man 80 etwas vielleicht für die ersten 4 bis 6 Wochen an- 
nehmen, einen für das Erkennen kindlicher Charaktere oft freilich 
viel zu kurzen Zeitraum, 80 kann diese Annahme doch Jetzt nach 
viermonatlicher Sorgsamster Beobachtung, darunter 4 Wochen 
Ferienaufenthalt auf der Wegscheide, nicht mehr in Frage 
kommen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß der Bub, wie andere 
auch, im Heim die besonderen Lebensbedingungen gefunden hat, 
die ihn alsbald ins Gleichgewicht und damit jene ganz auffälligen 
und bedenklichen Charakterzüge zum Schwinden gebracht haben, 
ehe Sie Sich zu festen Reaktionsgewohnheiten herausbilden konnten. 
Worin bestehen denn nun Jene eigentümlich günstigen Ver- 
hältnisse im Heim? Es hat Sich im Laufe der Jahre durch die ver- 
Schiedensten Versuche immer wieder ais völlig abwegig heraus-
	        

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