Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

90 W. VYürstenheim : 
gestellt, die Kinder einfach gehen zu lassen, ohne erzieherisch ein- 
zugreifen, etwa aus dem Gedanken heraus, wenn pan nur der 
Eigenart des Kindes freien Spielraum lasse, werde Schon alles gut 
werden. So einfach ist die Sache nicht, wenigstens nicht bei 
unsgeren Kindern. Und der tatsächlich durchgeführte Verguch hat 
erst vor kurzem wieder gezeigt, daß die Kinder Sich Selbst nicht 
nur gegenseitig aufs heftigste Stören und befebden, wenn man 
ihnen freien Lauf läßt, Sondern daß Sie auch Seibst willenlos, 
Jaunisch von einem Spiel zum anderen Springen, wie man es be- 
Sonders hei den jüngeren Kindern beobachten kann. Gegengeitige 
Mißgunst, Schreien und Toben, Schlägereien, absichtliche gegen- 
Seitige Spielstörungen Sind ohne weiteres, zumal bei 80 verschieden- 
artigem, oft willensSchwachem Kindermaterial durch Solches päd- 
agogisches Nichtstun, einfaches Gewährenlassen, hervorzurufen. 
Genau das Gegenteil tut unsgeren Kindern not. Ja, man Kann 8a3gen, 
daß das ruhige Anstaltsleben mit Seiner Ordnung, Pünktlichkeit 
und Reinlichkeit gerade das ist, was vielen Kindern draußen ge- 
fehlt hat und welches nach Versgetzung ins Heim ihnen Sogleich 
den für die meisten --- mindestens zunächst --- unentbehrlichen 
festen Rahmen bietet, dem Sich der einzelne -- js nach Seiner 
Art --- Schneller oder langsamer, leichter oder Schwerer, vollständig 
oder Immer nur teilweise und unvollständig einzufügen lernen 
muß. Diese Ordnung muß Zzunächst mit großer PFestigkeit an- 
2cwöhnt werden, ehe 8ie in Ihrer Segensreichen Wirkung von den 
Kindern bewußt erlebt oder gar begrifflich verstanden werden 
kann. Genau wie das Kind in der Schule eine feste Ordnung 
als Grundlage wirksamen Unterrichts, wie es Später in Werk- 
Statt und Fabrik eine feste Ordnung als Grundlage einer erfolg- 
reichen Lehre und praktischer Arbeitserfolge nicht entbehren 
kann, 80 braucht es eine Solche auch daheim und erst recht 
auch in Solchem heilerzieherischen Zwecken gewidmeten Schüler- 
heim. -- Die pädagogische Kunst verlangt nun, diese äußere feste 
Ordnung im Inneren 80 elastisch zu gestalten, daß gleichwohl die 
Vigenart jedes Kindes erkannt und berücksichtigt werden kann. 
Oft tritt überhaupt erst nach Begeitigung der KEingewöhnungs- 
Schwierigkeiten, nach Sammlung und Stauung der Kräfte unter 
dem Einfluß jener wohltätigen äußeren Ordnung irgend eine aus- 
gesSprochene Neigung zutage und erst mit deren pädagogischer 
Begünstigung allmählich eine ausgeprochene Fähigkeit. Und zeigt 
Sich erst der kleine Tierfreund oder Gärtner, der fleißige Haus- und 
Küchenarbeiter, der geschickte Schreiner oder gar Flugzeug-
	        

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