Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Zehn Jahre Heilerziehung. 91 
konstrukteur, der kleine Musiker oder Maler, dann ist man bei 
vielen Kindern Schon über den Berg, vor allem bei jenen aktiV- 
triebhaften Buben, die daheim, teils aus Mangel an Zucht, teils aus 
Mangel an Freiheit und rechter Anleitung und Gelegenheit zu art- 
gemäßer Betätigung auf Abwege geraten Sind. Durch unzweck- 
mäßige Behandlung dieser Abwege Kommen Sie dann völlig aus 
dem Seeligchen Gleichgewicht, in Trotz, Mißmut oder Übermut und 
Angriffsstellung gegen ihre Mitmenschen. Mit der Entwicklung 
und Anerkennung ihres Könnens, ja mit der eigenen Freude an 
Solcehem Können Sind Schon Lustgefühle da, halten den Unlust- 
gefühlen allmählich die Wage, gleichen Sie aus. Mit jenem ruhigen 
und geordneten Dahinleben im frohen Bewußtsein des eigenen 
Könnens bildet Sich dann allmählich ganz von Selbst ein dunkles 
Verstehen der eigenen Lage aus, es regen Sich Gefühle von Lu- 
friedenheit, Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen die Erzieher, 
von Rückgicht und Hilfsbereitschaft gegenüber den Kameraden, 
Ja ein gewisses Stolzes Verantwortlichkeitsgefühl zeigt Sich, das 
den Mißbrauch eines Vertrauengamtes etwa als Zimmerführer aus- 
Schließt; und damit ist dann der Zeitpunkt näher gerückt, an dem 
man eine Entlassung aus dem Heim, je nachdem: eine Rückkehr 
in. die alten, erzieherisch unter Mitwirkung des Heims oft ge- 
inderten Verhältnisse oder aber einen Übergang in fremde Familien- 
pflege, in ein Lehrlingsheim für SchulentlasSene oder dergleichen 
ins Auge fassen kann. Als0: erst äußere Ordnung und Kinordnung, 
dann Förderung der wertvollen Eigenart, zuletzt: V erantwortlich- 
keit und möglichste Selbständigkeit. Das ist freilich nur ein 
gewisges Schema, ein allgemeiner Rahmen, der die feineren, in vielen 
Fällen unentbehrlichen ärztlich-pädagogischen Sonderbemühungen 
nicht einmal ahnen läßt. Diese Setzen erst ein, wenn die Beobachtung 
des Einzelkindes in der Gruppe Sie nötig macht. Da ist zum Bei- 
Spiel als immer wiederkehrende Ergcheinung der verstimmbare 
Psychopath, den, wie man Sagt, die Fliege an der Wand ärgert. 
Schon morgens beim Aufstehen kann er über eine Kleinigkeit, 
etwa ein Zerrisgenes Schuhband oder dergleichen, außer Sich 
geraten. Ist dann wie gelähmt und kommt zu Spät zum Waschen. 
zt beim Frühstück mürrisch und verdrossen da und kann Sich 
auch hinterher Stundenlang im Unterricht, ja in der Spielpause 
nicht wieder aus eigener Kraft ins Gleichgewicht bringen. Eine 
Zurechtweisung oder gar Bestrafung vor Zeugen. ruft genau das 
Gegenteil der gewünsgchten Wirkung hervor, während ein ruhiges 
"Trost- oder Mahnwort unter vier Augen auch ohne viel Aufhebens
	        

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