Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

92 W. Fürstenheim: 
manchmal Wunder wirkt. Solche Verstimmbarkeit, verbunden mit 
Stimmungsausgleichsstörung, findet Sich häufig bei zarten, kKörper- 
Schwächlichen Schmalen Kindern mit Stark ansprechbarem Gefäß- 
nervensystem. Oft Sind die Kinder innerlich und auch äußerlich 
unruhig. nehmen nicht zu, wenigstens nicht bei gewöhnlicher Kost, 
Sind Bettnäsger oder auch Nägelbeißer, nach körperlichen An- 
Strengungen treten ihre Schwächen besonders hervor. --- In Solchen 
Fällen Sind lang ausgedehnte Schonungs- und Mastkuren zur 
Herabsetzung der Krregbarkeit notwendig, daneben aber ein ganz 
bestimmtes SeeIiSChes Training. Die Kinder können näm- 
lich bei entsprechender Anleitung lernen, Sich gleichsam den Zuruf 
des Erziehers zu ersSetzen, nicht etwa durch einen Willengakt die 
Stimmung sSchlechtweg zu unterdrücken; Sondlern nach alter 
Seelen-ärztlicher Krfahrung gilt es Vorstellungen in Sich wach zu 
rufen, die mit freundlicheren Gefühlen verbunden 8inG. um 80 ohne 
iſremde Hilfe immer Schneller wieder ins Gleichgewicht zu kommen. 
Erfreuliche charakterliche Wandlungen haben wir mit der Zeit 
erlebt bei jenen kleinen, kindlich engen Buben und Mädchen, die 
durch vorgeburtliche Schädigungen oft in Verbindung mit Schweren 
Mängeln der Pflege und Erziehung in den ersten Lebensjahren 
körperlich und geistig um Jahre hinter ihren Altersgenossen 
zurückgeblieben Sind; in charakterlicher Hingicht aber gleichen Sie 
oft weniger harmlogen Kindern als boghaften und mißgüngstigen 
Zwergen; diebisch, Schadenfroh und feige Sind Sie Augendiener in 
Gegenwart der Krzieher, hinter ihrem Rücken aber zu allerhand 
heimlichen Teufeleien geneigt, auch Neckereien, um Sich 80 Ein- 
fluß und Geltung unter den Kameraden zu verschaffen, die auf 
anständige Weise zu erwerben 8ie Sich zu Schwach fühlen und 
tatsächlich oft auch Sind. Strafen verbittern häufig gerade diese 
Kinder, drängen 8ie noch weiter auf die Schiefe Ebene. Aber als 
das Ergebnis jahrelanger treuer Pflege und Geduld ändert 8ich das 
Bild auch hier zum Guten. Körperliche Nachreifung und Kräf- 
tigung tritt ein; fehlende Kraft kann durch zunehmende Gegehick- 
lichkeit, eine gewisse Gewandtheit ersgetzt werden. Sehließlich 
liegt zu Mißgunst, innerer Unzufriedenheit und impulsiven Ent- 
lJadungen aus 80 trüben Quellen kein Anlaß mehr vor; denn das 
Gefühl eigenen Könnens, begleitet von der freudigen Anerkennung 
der Krwachsenen, befriedigt den natürlichen Geltungsdrang auf 
gesunde Weise. 
Solche Erfolge Sind dann freilich der Schönste Lohn für die 
Festigkeit und Geduld, die vorbildliche Selbstzucht und die
	        

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