Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Heilpädagogische Bestrebungen. 
Grenzen der Jugendfürsorge. In der Deutschen Zeitschrift. für Wohlfahrts- 
pflege erschien im Juli 1927 ein Aufsatz von Hildegard Hetzer „Die 
Berücksichtigung der negativen Phase des Jugendlichen in der Wohlfahrts- 
pflege“. Er bringt Beobachtungen aus der Jugendfürsorge in Wien und 
fordert in den Leitgätzen, die das Ergebnis der Untersuchungen bilden, eine 
ganz intensive VYürgorge für. Jugendliche während der negativen Phase des 
Entwicklungsalters, die in Form einer Schutzaufsicht grundsätzlich alle 
Jugendlichen der betreffenden Altersstufe umfassen Soll. Beim Legen dieser 
Leitgätze drängt Sich einem -- wie bei manchen Fragen der Ausweitung der 
Vürsorgetätigkeit von Staat und Gegellschait -- die Frage auf: Sind wir 
auf dem richtigen Weg? Sehen wir nicht bei unsgerer gründlichen Be- 
Schäftigung mit den Fragen der körperlichen, geistigen und Sseelischen Ent- 
wicklung des Kindes und Jugendlichen -- um bei dem zur Besprechuug 
Stehenden Fragenzusgammenhang zu bleiben -- die Dinge durch ein Ver- 
größerungsglas und vergessen dann bei den Schlußfolgerungen, das Beob- 
achtete auf Seine natürliche Größe zurückzuführen und es erst dann in Seine 
örtlichen und zeitlichen Zusammenhänge wieder einzureihen? Und weiter: 
Überschätzen wir nicht die Möglichkeiten erzieherischer und fürgorgerischer 
Beeinflussung der Menschen und Verhältnisse gegenüber der Kraft natür- 
lichen Wachstums? Erhalten wir bei Verwirklichung ungerer Erziehungs- 
und Vürsorgetheorien nicht vielleicht Treibhauspflanzen, Schön und prächtig 
anzusehen, aber den Stürmen und Anfechtungen des Lebens nicht gewachsen, 
verweichlicht statt charaktertfest und widerstandsfähig? 
Was die Beobachtungen über die negativen Phagen Selbst betrifft, 30 
dürfte nicht viel zu ergänzen oder zu widersprechen Sein. Allerdings darf 
nicht, außer acht gelassen werden, daß, wie H. Hetzer selbst mitteilt, die 
Beobachtungen zumeist an mehr oder weniger verwahrlosten Kindern aus 
Projletarierkreigen gemacht Sind und die als negative Phasen bezeichneten 
Entwicklungsstufen zwar bei allen Sozialen Schichten nachzuweisen Sind, 
aber doch, wie die Beobachtung vieler Kinder, die allerdings zumeist unter 
die „von klein an an Beherrschung gewöhnten“ gehören, zeigt, nur bei einem 
Teil gefährlich werdende Formen annehmen. 
An die eben erwähnte, beiläufig gebrachte Bemerkung des Aufsatzes 
möchte man gegenüber den Hetzerschen Leitgätzen, die Sich in der 
Hauptsache anf Wegräumung von Hindernissgen und Gefahren, auf Milieu- 
beeinflusgung beziehen, die Hauptforderung an Erzieher und Sozial tätige 
Personen anschließen: Sorgt für die Erziehung zur Bebherrschung und Selbst- 
erziehiwg! Gewiß, in manchen Fällen ist Milieuänderung erforderlich, ei es 
durch Entfernung des Kindes oder Jugendlichen aus Seiner Umgebung, Sei 
es durch intensive Beeinflüussung der Umwelt, besonders der Mitmenschen
	        

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