Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Heilpädagogische Bestrebunge». 95 
(Einwirkung auf Eltern, Arbeitgeber, unmittelbare Regelung des Umgangs 
des Kindes und Jugendlichen, Einschaltung des Schutzaufsichtshelfers in 
die Reihe der Erzieher). Im allgemeinen aber dürfte die Einwirkung auf 
den Jugendlichen gelbst wichtiger und ausgichtsvoller Sein, zumal im Blick 
darauf, daß früher oder Später eine Rückkehr in die alte Umgebung Statt- 
finden wird, man wenigstens in keinem Pall einen Mengchen Sein Leben 
Jang vor ungünstiger Umgebung Schützen kann. Ziel von Erziehung und 
Fürgorge muß Sein, Menschen zu erziehen, die dem Leben mit all Seinen 
Anfechtungen, der Umgebung mit all ihren Versuchungen allein entgegen- 
treten, Sich gelbst durch gefährdende Verhältnisge hindurchfinden Können. 
Wird dieges Ziel erreicht, wenn man dem Kind und Jugendlichen die durch 
die psychischen Begonderheiten der Entwicklungszeiten bedingten Kämpfe. 
mit der Umwelt nach Möglichkeit erspart? Sind die Schwierigkeiten nach 
Ablauf dieser Phagen Soviel geringer, daß ein Schutz in diesen Zeiten 
Sicherheit für günstige Weiterentwicklung gibt? Treten nicht Später von 
innen und außen dem Menschen Soviel neue Widerstände bei Seinem Wege 
zu einem persönlich guten, Sozial wertvollen Leben entgegen, bieten Sich 
ihm nicht Soviel Jockende „aber dem Sozialen Erziehungsgedanken entgegen- 
Stehende Ziele an, daß alles darauf ankommt, daß ein gefestigter, nicht nur 
behüteter, Sondern im Kampf der ersien Werdejahre erstarkter Charakter 
imstande ist, Sich nicht nur führen zu lassen, Sondern, um die Ausdrucks- 
weise des Jugendgerichtsgesetzes zu benutzen, „Seinen Willen Seiner Ein- 
Sicht gemäß zu bestimmen“? 
Was folgt nun aus diesgen Erörterungen? Vater Bodelschwingh, 
gewiß ein Mann belfender Liebe, Sagte: „Wenn wir barmbherziger werden 
wollen, dann müssen wir härter werden.“ Das gilt auch bier. Das Klein- 
kind im ersten Trotzalter, der Jugendliche in der negativen Phase der Vor- 
pubertät darf Seine durch die Entwicklung bedingte Eigenart nicht einfach 
„ausleben“, S0ndern muß zur Beherrschung Seiner triebhaften Lebensäuße- 
rungen, zur Selbstbeherrschung und Kontrolle der eigenen Willensgestaltung 
erzogen werden. Für den Erzieher und damit für die Aufklärung der Er- 
ziehenden durch die Fürsorgeorgane und andere Stellen bedeutet das 
dreierlei: 
1. Der Trotz des Kindes ist nicht einfach als Unart zu bekämpten, 
gondern in Seiner positiven, die Entwicklung zu eigenem Willensleben dar- 
tuenden Bedeutung zu erkennen. - - 
29 Kr ist daher nicht einfach durch strenge Bestrafung zu unter- 
drücken, Sondern der werdende Wille ist auf positive Ziele zu richten. 
3. Das Kind muß merken, daß ELingetzung von Willenskraft an Sich 
etwas Gutes ist, daß der eigene Wille aber der Leitung des Willens des. 
Erziebenden Sich beugen muß. - 
Ohne Erziehung zum Gehorsam Keine Erziehung zur Eingliederung in 
das gegellschaftliche Leben der Gesamtheit. 50 heißt es also doch, den 
Trotz des Kindes brechen, nicht in Verzweiflung über das „böse“ Kind, 
Sondern in rubiger Erwägung, daß die Erziehung ebenso das natürlich Gute 
fördern wie das natürlich Schlechte bekämpfen muß. 
Mit der durch die Sache bedingten Abwandlung gilt das Gleiche für 
die zweite negative Phage. Auch da heißt es 
1. das Naturbedingte in dem Verhalten des Jugendlichen erkennen, 
achten und . Sich daher in gewissen Grenzen auswirken lassen, damit 
erzwungene Verdrängungen verhütet werden;
	        

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