Schulgarten und Hilfsſchule,
Von Alfred Wolf,
Zu meinem Thema „Schulgarten und Hilfsſchule“ hebe ich zunächſt hervor,
daß die Hilfsſchule vor allem die Aufgabe hat, den darniederliegenden, phyſiſch
und ſeeliſch zurückgebliebenen Geſamtlebenszuſtand ihrer Zöglinge zu heben,
Das kann und ſoll nicht heißen, daß hier aus unvollkommen veranlagten Men-
ſchen vollkommene gemacht werden ſollen, Nur eine vorwärtsſirebende Ent-
wicklung gilt es in das ſchwache und kranke Leben dieſer Kinder hineinzutragen,
eine Entwicklung, die den anormalen Zuſtand zu beſſern und dem normalen ein
wenig näher zu bringen ſucht, Die Hilfsſchule iſt in ihrem innerſten Weſenszuge
eine Stätte der Heilerziehung., Dieſer Gedanke erfreut ſich gegenwärtig noch
nicht allgemeiner und beſonders ſtarker Sympathien an maßgebenden Stellen.
Viele finden in ihm eine Verquickung ärztlicher und pädagogiſcher Beſtre-
bungen, die ſie ſich in der Praxis ohne Reibung der beiden Gebiete nicht recht
denken können, Auch mehrfache Augeinanderſeßungen zwiſchen Vertretern beider
Richtungen in der Preſſe haben das noch ungeklärte Verhältnis ziemlich deut-
lich erkennen laſſen,
Meiner Anſicht nach kann man dieſem Übelſtande wirkſam begegnen, indem
man hier ſcharf unterſcheidet zwiſchen der allgemeinen erziehlichen Beein-
fluſſung für geſunde Lebensführung und der beſonderen, die ſich auf die Behand-
lung beſtimmter Krankheitsfälle erſtreckt, Letztere gehört zweifellos in die
Hand des Arztes, Niemand wird ihm da hineinreden wollen, Aber allgemein-
gerichtete Anregungen dieſer Art zu geben und den Sinn des jungen Menſchen im
ganzen hinzulenken auf Kraft und Geſundheit, deſſen iſt auch der vollwertige
Erwachſene fähig, in dem Gefühl und Sinn für geſunde Lebensführung ent-
wickelt ſind. Der Erzieher muß in erſter Linie dazu befähigt ſein, der ja die Beob-
achtung und Beurteilung des Kindes in ſeiner lebendigen Ganzheit zu ſeiner
Lebensaufgabe erhebt, |
An allen Kulturbeſtrebungen treten dieſe beiden Seiten, die allgemeine und die
ſpezielle, deutlich zutage, Denken wir. an die Rechtspflege! Von jedem Ge-
bildeten erwartet man hier, daß er über die allgemeinen Fragen von Recht und
Unrecht ſich ein Urteil bildet und danach handelt. Der Fachmann, der Juriſt,
hat demgegenüber nur die Aufgabe, beſonderen und ſchwierigen Föllen nachzu-
gehen. Mit der Erziehungswiſſenſchaft iſt es hnlich. Jedem gebildeten Eltern-
paare weiſt man hier ein allgemeines pädagogiſches Urteil zu. Der Erzieher
von Fach iſt auch nur der Spezialiſt, der den Fragen und Problemen ge-
nauer nachforſcht und ſie beruflich behandelt. Immer iſt der allgemeine Zug
irgendeiner geiſtigen Beſtrehung ein Stück der Allgemeinbildung, der beſondere
ein Stück ſpezieller Berufsbildung. Unter ſolchen Grundauffaſſungen kann die
Beſtrebung der Heilerziehung niemals falſch beurteilt, niemals als ein Eingriff
in das Gebiet des Arztes betrachtet werden. Sie iſt eine der allgemeinen ge-
ſundheitlichen Entwicklung dienende Geſamtbehandlung des Jugendlichen, iſt
1 Bortrag im Landesverbande Jordweſtſachſen des Deutſchen Vereins f. werttätige Exziehung»
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