Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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einem Frauenenthaltſamkeit3bund von nunmehr 200 000 Mit- 
gliedern, fleißig bei der Arbeit für die Nüchternheit3bewegung 
in England halfen. Seit dem Jahre 1882 vertritt Ottilie 
Hoffmann ebenfalls mit großer Umſicht und durch perſön- 
liches Vorleben . die Abſtinenz. 
. Im Jahre 1890 kehrte jie dauernd nach Bremen zurück 
und begann mit dem Vaterländiſchen Frauenverein praktiſche 
Arbeit gegen den Alkoholismus zu verrichten, zunächſt durch 
den Kaffeeausſchank für die bei den AbräumungsSarbeiten 
beſchäftigten Arbeiter und dann durch Einrichtung von Volks8- 
unterhaltung5abenden. An die Hundert ſolcher Abende, die 
jich eines großen Zuſpruchs erfreuten, hat Ottilie Hoſſmann 
jelbſt eingerichtet. 1891 wurde der Bremer Mäßigkeit3verein 
gegründet, der durch die Errichtung von zehn großen 
Kaffee- und Speiſehäuſern. ein Segen für die Bevöl- 
kerung geworden iſt. Ottilie Hoffmann leitete von Anfang an 
die umfangreichen Geſchäfte des Verein3 als Rehnungsfüh- 
rerin. Die Volkskaffee- und Speiſehäuſer de3 „Bremer Mäßig- 
feitavereins'', die als ſreundliche alkoholfreie Volk3heime ohne 
jeden „Trinkzwang eingerichtet ſind, wurden vorbildlich für 
viele „ähnliche Einrichtungen im deutſchen Vaterlande. Hier 
haben auc< Hunderte junger Mädchen aus den wohlhabenden 
Kreiſen der Stadt prafiijche ſoziale Fürſorge üben gelernt, 
und es iſt ein beſonderes Verdienſt Ottilie Hoffmanns, immer 
wieder, troß ſo mancher Schwierigkeiten, treue Helferinnen 
geworben zu haben. Auf ihre WVeranlafſung wurde bald 
ein Verein vom Blauen Kreuz gegründet, und ebenſo regte 
ſie die Einrichtung de3 Hoffnungsbundes für die Kinder an 
und war. bei der Gründung des Alkoholgegnerbundes tätig. 
Cin beſonderes Intereſſe fanden bei ihr die Beſtrebungen de3 
Guttemplerordens.; deſſen gedeihliche Entwi>lung ſie mit 
beſonderer Freude unterſtüßte. 
Für Ottilie Hoffmann war die Hauptaufgabe im Kampfe 
gegen die Alfoholſchäden der Gegenwart die Reformierung 
der Tage3anſchauungen und Sitten, um einmal beſſeren Ge- 
ſezen vorarbeiten zu können, die Gewinnung der Frauen und 
die Aufklärung der Jugend. Ihren Höhepunkt fand dieſes un- 
ermüdliche Wirken in der Gründung des „Deutſchen Bun- 
des abſtinenter Frauen“ im Jahre 1900, der jezt in 
50 Ortsgruppen 2500 Mitglieder vereinigt, dejjen erſte Bor- 
jikende jie zwölf Jahre lang hindurch war und in deſſen 
Dienſt jie jeht noch als Ehrenvorſikende und unermüdliche 
Beraterin und Mitarbeiterin " erfolgreich tätig iſt. Welche 
Aufmerkjamkeit ihr ſegenöreiches Wirken auch an höchſter 
Stelle fand, zeigt die Tatſache, daß, ſie int Jahre 1903 von 
der deutſ<hen Kaijerin zum Vortrage empfangen wurde, die 
bei dieſer Gelegenheit ihr lebhaftes Interejje für dieje Seite 
der deutſ<en Frauenbewegung zeigte. Im Dienſt dieſer gro- 
ßen Sache hat ſie die meiſten deutſchen Städte bejucht, in 
großen und kleinen Verſammlungen die „Irauen zum Kampfe 
gegen den inneren Feind aufgerufen. In ihrer Arbeit war 
ſie von früh bis ſpät tätig mit ſeltener Kraft und Unermüd- 
lichkeit, die ihr ungeſchwächt bis in ihr hohe3 Alter erhalten 
geblieben ſind. Noc<h jezt an ihzxem 80. Geburtstage er- 
freut ſie ſich des Vollbeſißes ihrer geiſtigen und körperlichen 
Kräfte und einer außerordentlichen, man möchte faſt ſagen, 
jugendlichen Friſche und Begeiſterungsfähigkeit. Ihre große 
Liebe zu unſerem Volke und das Bewußtſein, demſelben zum 
Segen zu ſein, das ſind die Kräfte, die ihre Schaffensfreudig- 
keit aujrecht erhalten. Dieſe große Liebe zeigt und betätigt - 
jie auch im perſönlichen Verkehr, und gerade darum iſt ihr 
Wirken ſo erfolgreich, de3halb iſt ihre Perſönlichkeit uns 
Jüngeren ein ſteter Antrieb zu gleichem Tun. 
„Wa3 hat zu allen vn Unheil abgewandt und Rettung 
gebracht?“ So wandte ſie ſich einſt fragend an ihre Zuhörer 
und gab die treffende Antwort: „Individuelle Energie für 
eine heilige und gute Sache, die bei orgamijiertem Zuſammens=- 
wirken Gleichgeſinnter durch den Appell an die beſten Re- 
gungen der menſchlichen Natur andere gewinnt, daß, ſie fol- 
gen auch in dieſem notwendigen Kreuzzug gegen den Erbfeind 
'unjeres Vaterlandes.“ 
 
-Und ſo tritt ſie, die Achtzigjährige, auch heute wieder auf- 
flärend und werbend vor uns hin mit den Worten: „Alle 
Mütter und Lehrerinnen, arm und reich, jung und alt, ſoll- 
ten wiſſen, daß geiſtige Getränke den Kindern nur ſchaden, 
nichts nüßen, daß ſie ihr Wachstum, ihre geiſtige und kör- 
perliche Entwieklung jc<ädigen, daß, jie die Kinder reizbar, 
nervs38 machen, Kopfweh, ſchlechten Schlaf, körperliche und 
geiſtige Ermüdung verurſachen.“ „Darum iſt die Erziehung, 
das Beiſpiel der Mutter, der mächtigſte Einfluß auf Erden; 
daher gilt e8, die Mütter zu gewinnen.“ 
Jhre LebensSüberzeugung ſpricht ſie in den Worten aus: 
„Die Enthaltſamkeit von berauſchenden Getränken iſt uns 
nicht8 anders al8 das Anpaſſen unjerer Lebensführung an 
Gottes Gebot, in ſeinen heiligen Naturgeſezen offenbart, 
und an das Gebot der Nächſtenliebe, als das einzige ſichere 
Nettung8- und Vorbeugungsmittel gegen das unſägliche Alko- 
holelend.“ 
Möchte ihrem an Arbeit jo reichen Leben ein ſegens38voller 
Lebenöabend beſchieden ſein, möchten ſich ihrer Führung im 
Kampfe gegen den Volksfeind zur Ausbreitung der Ent- 
haltſamkeit noch recht viele Kolleginnen anſchließen zum 
Wohle unjeres Volkes und der ihnen anvertrauten Kinder. 
Aus den Vereinen. 
Allgemeiner Deutſcher Lehrerinnenverein. 
Geſchäftsſtelle: Berlin W 62, Bayreuther Straße 38, Grth. 
Wir beſtätigen hierdur< mit herzlichem Dank, daß uns zur 
Kriegsfürſorge für Kolleginnen weiterhin folgende Gelder über- 
geben wurden: 
Transport von Nr. 5 der „Lehrerin“ 9012,-- X 
Verein Berliner Volksſ<ullehrerinnen und 
Vereinigung der Fachlehrerinnen Berlins 
aus der von der Berliner Lehrerſchaft ver- 
anſtalteten Sammlung für Kriegshilfe . . 2500,-- „ 
Lehrerinnenverein Frankfurt a. O. für oſt- 
preußiſche Kolleginnen . 40,-- „ 
Fräulein Johanna Wermbter 1,50 „ 
Summe: 11553,50 4X 
Der Vorſtand des A. D. L.-V. 
IJ. A.: Helene Lange, Eliſabeth Schneider, 
Vorſißende. Kaſſiererin. 
Hilfe der Schule beim Obſt- und Gemüſebau. 
Bei der Kriegstagung des U. D. L.-V. wurde beſchloſſen, 
die Sqchuljugend bei Odoſtbau und Obſtverwertung beſon- 
ders heranzuziehen. Auf dieſelbe Aufgabe weiſt ein Erlaß, 
des preußiſchen Kultusminiſter8 vom 15. Mai 1915 hin: 
Bekämpfung der Obſt- und Gemüſeſc<ädlinge 
dur< die Schuljugend. 
Nußbarmachung der Erzeugniſſe des Waldes. 
Die umſichtige Bekämpfung der Obſt- und Gemüſeſchädlinge 
unter den Inſekten iſt aus naheliegenden Gründen gerade im 
laufenden Jahre dringend erwünjc<t. Bei zwecentſprechen- 
der Velehrung und Anleitung kann die Shuljugend ſich 
bei dieſem Kampfe erfolgreich betätigen und gegebenenfalls 
die Obſt» und Gemüſeernte vor empfindlicher Schädigung be- 
wahren helfen. Daher würde nichts dagegen zu erinnern 
ſein, wenn in Notfällen Schulklaſſen zur Abhilfe, z. B. zur 
Beſeitigung einer ſtarken Raupenplage, auſgeboten werden. 
Dazu wird in erſter Linie die Zeit verwendet werden kön- 
nen, die durch Einſchränkung des Unterrichts aus den in 
meinem Erlaſſe vom 1. April d. IJ. - UMA 274 -- 
(Zentrbl. S. 456) angegebenen Gründen verfügbar wird. 
IH benuße dieſe Gelegenheit, meinen Erlaß vom 3. Ok- 
tober v. J. -- UIIIA 1701 -, mnamentlich jeinen vor- 
lezten Abſaß, in Erinnerung zu bringen. Es muß, angeſtrebt
	        

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