Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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ör das Fehlen des „Verſtändniſſe3“ mit dem Wort begleitet, 
daß dieſes ein Ding iſt, nicht von heute auf morgen zu be- 
ſchaffen, ſo möchten wir e8 durch das weitere Wort ers 
gänzen, auch nicht in neun Tagen zu beſchaffen. 
Daß nicht auf die an Vorbildung und Verſtändnis un=- 
entwicelten, dafür aber um ſo mehr auf die geſc<hulten 
Kräfte der Kurjus weiterbildend und fördernd einzuwirken 
imſtande war, das iſt ſein unbeſtreitbarer Wert; nie- 
mals aber ſollte in den unfähigeren Elementen durch Abſol- 
vierung der kurzen Kurſe ein Gefühl der Sicherheit erwect 
werden, das ihnen nicht zukommt. Da handelt es ſich ja 
nicht mehr um eine Frage des praktiſchen Können3 oder 
Nichtkönnen3, ſondern um eine pädagogiſ<e Angelegen- 
heit, und das mag ihre Behandlung gerade in der „Lehrerin“ 
rechtfertigen. , . 
Die 50. Helferverſammlung der Jugendgerichtshilfe 
Groß-Berlin 
(einer Arbeitöabteilung der deutſchen Zentrale für Jugendfür- 
ſorge) gab ein umfaſſendes Bild der Krieg3stätigkeit ein- 
zelner, in der Jugendgericht3hilfe tätiger Organiſationen. 
Al3 Vertreterin de3 Vereins Berliner Volks8ſ<ul- 
lehrerinnen berichtete Fxl. Bolle von den 39 Scußauf- 
ſichten, die von Berliner Lehrerinnen ſeit Beginn des Jahres 
1915 ausgeübt werden. Im Jahre 1914 führte feiner der 
Fälle, im Jahre 1915 aber bereits jezt drei zur Fürſorge- 
erziehung. In zweien dieſer Fälle fehlte die Mutter, und der 
Vater iſt viel abweſend, beim dritten ſind beide Eltern da, 
aber tag3über fort. Bejondere Schwierigkeit bot die Helfer- 
tätigkeit im Kriege nicht, im Gegenteil, die älteren Mädchen 
bemühten ſich mehr, ihre Arbeit nicht zu verlieren. Andrer- 
ſeit3 aber iſt der direkte Verkehr mit den Schüßlingen ſchwerer 
durc< vermehrte Stundenzahl und die Berteilung de8 Unter- 
richt3" auf Vor- und Nachmittage. Zum Schluß empfahl die 
Rednerin dringend Gründung von Horten für größere Kin- 
der, und zwar getrennt für Mädchen und Knaben. 
Der Vertreter des katholiſchen St.-Vincenz-Vereins 
gab gleichzeitig mit dem Tätigkeitsbericht einen Einblick in 
die Organiſation, die = aus dem Zuſammenſchluß einer An- 
zahl von Akademikern hervorgegangen = ihren Vorſtand in 
Köln, in Berlin aber eine beſondere Abteilung für die Zentrale 
für Jugendfürſorge hat. Die Arbeit in der Jugendgerichtshilfe 
war in den lezten Monaten dadurch erſchwert, daß etwa zwanzig 
von den vierzig Helfern im Felde ſind, die allerdings durch 
neu eingetretene Kräfte, meiſtens Studenten oder ausgebildete 
Akademiker, erſeßt werden. Die Anzahl der Fälle betrug in 
den lebten Jahren: 1913: 70; 1914: 63; 1915 bi3 jezt ſchon 
61! Au3 dem Jahre 1914 ſind ſieben Fälle ſeit Krieg53beginn 
übernommen; fünfzehn der Delikte ſind direkt und nachweislich 
durc< den Krieg beeinflußt: entweder durch Kriegö5not herbei- 
geführt. oder durch eine vom Kriege geſchaffene Gelegenheit 
(3. B. Diebſtahl von Liebesgaben). Nicht in demſelben Maße 
wie die Zahl iſt die Schwere der Fälle gewachſen. Und da=- 
neben wurden gerade von dieſer Stelle aus auch die guten Exr- 
folge als Ergebnis des Krieges hervorgehoben. Einige vorher 
ſtraffällige Jugendliche, die als Kriegsfreiwillige mitgezogen 
ſind, erhielten das Eiſerne Kreuz; einer ſchidte 150 % von | 
ſeiner Löhnung an die Mutter. Ein junger Tſcheche, der zu 
achtzehn Monaten in Plößenſee verurteilt war, wollte gern ins 
deutſche Heer eintreten. Er mußte ſeine Strafe zu Ende ver- 
büßen, wurde dann aber ſofort ausgebildet und durfte ins 
Feld ziehen; er nimmt an den Kämpfen in Galizien teil und 
ſc<reibt begeiſterte und ſiegesſichere Berichte. 
Solche: erfreulichen Mitteilungen aber ſind doch die Aus3- 
nahmeerlebnijſe. Faſt dur<weg wurde eine zunehmende Kri- 
minalität der Jugendlichen in den letzten Monaten eine ſc<ä- 
digende Wirkung des Krieges auf die gefährdete Jugend feſt- 
. geſtellt. 'JIn dieſem Sinne berichtete dex Vertreter der Ber- 
liner Gewerkſc<haft3kommiſſion, mit beſonderer Be- 
 
 
tonung die Jugendgericht3hilfe Charlottenburg, der 
Krei3verband des Berliner JünglingS8vereinS3, deſſen 
Helfer meiſtens Stadtmiſſionare, Pfarrer oder Gemeindekir- 
<henräte ſind. 
Die Gründe für dieſe Verſchlechterung der Geſamtſittlichkeit 
der Jugend ſind verſchiedener Art; faſt immer wieder werden 
angegeben: die Ausſichtsloſigkeit der Kinder, häufig das Feh- 
len des Vater3, deſſen feſte Hand hemmend auf abſeitige In- 
ſtinkte wirkte; Ausſchalten der Hemmungen überhaupt durch 
die ſteigende Unruhe und innere Erregung, die der Krieg auch 
im Jugendlichen hervorruft. Die Abenteuerluſt, der Drang 
ins Weite wird geſteigert und durch die größere Unregelmäßig- 
feit des Schulbetriebe3s, den häufigen Lehrerwechſel unterſtüßt. 
Nicht nur in die Schule, ſondern auch in die Werkſtätte wird 
die Unruhe hineingetragen und dadurch der Anlaß auch zu 
ſchwereren Straftaten geboten: ein Griff in die Ladenkaſſe iſt 
leichter möglich, wenn der Arbeitgeber, der Brotherr, im 
Kriege iſt. 
Alle dieſe Berichte müſſen, wenn ſie mehr al3 ein trauriges 
Tatſachenbild geben ſollen, zu einer höchſten Kraftanſpannung 
aller an Jugendpflege (der Hortarbeit!) und Jugendfürſorge 
beteiligten Menſchen führen, damit der Krieg nicht nur die ihm 
jo vft nachgeſagte Wirkung habe: daß er die Guten beſſer und 
die Schlechten ſchlechter mache, die Starken ſtärke und die 
Schwachen noc<h mehr ſchwäche, ſondern ihm müſſen gerade 
dieſe Opfer unter den Schwachen, den ſittlich Anfälligen, ent- 
riſſen werden, weil jezt, mehr denn je, unſere Jugend zugleich 
unſere Hoffnung auf die Zukunft iſt. 
Zum weiblichen Dienſtjahr. 
L 
Dei der Ausſchußſizung der Vertreterinnen des Deutich - 
Cvangeliſ<hen Frauenbunde38 am 18. Mai nahm einen 
breiten Raum die Erörterung der Frage des weiblichen 
Dienſtjahres ein. Es wurde ausgeführt, daß eine ſtaat- 
lich geordnete, pflichtmäßige Betätigung jedes jungen Mäd- 
hens im Interejſe der Allgemeinheit wertvoll erſcheint. Das 
weibliche Dienjtjahr iſt als Vorbereitung und Schulung für 
fünftige Pflichten, nicht als Erjaß für bezahlte Berufsarbeit 
anzujehen. Als Betätigungsgebiete kommen in erſter Linie 
in Betracht eine gründliche hauswirtichaftliche Ausbildung 
als wejentlicher Jnhalt des weiblichen Dienſtjahrs und eine 
joziale Ausbildung. Jn der Beſprechung gingen die Anſich- 
ten darüber auzeinander, ob für die Töchter aller Stände ein 
weibliches Dienſtjahr oder nur eine Frauendienſtpflicht 
zu erſtreben jei. Die alljeitige Anerkennung der großen 
Schwierigkeiten, die der Verwirklichung des Jdeals eines 
Frauendienſtjahres noch entgegenſtehen, führte zur Ein- 
jezung einer Kommiſſion von zehn Mitgliedern, welche die 
Frage zu bearbeiten hat, um dann mit beſtimmten Vor- 
Ichlägen wieder an den Ausſchluß heranzutreten. 
In einem Zuſammenhang mit diejem Thema ſtand folgen- 
der Verhandlungsgegenſtand: Jn welcher Form erſtrebt 
der Deutſ<-Cvangeliſche Frauenbund eine Ver- 
tretung der Frau im Staatsleben“ führte zu der ein- 
ſtimmigen Annahme folgender Erklärung: Der Ausſchuß 
des Deutſch-Evangeliſchen Frauenbundes hält eine Vermeh- 
rung des Fraueneinfluſſes im Staatsleben zum Wohle des 
Volkes für notwendig und beauftragt den Bunde3vorſtand, 
zu gegebener Zeit die nötigen Schritte zu tun, um bei der in 
Ausſicht geſtellten Neuordnung der öffentlichen Angelegen=- 
heiten zu erreichen, daß 1. Frauen zur verantwortlichen 
Mitarbeit in denjenigen ſtädtiſchen Ausſchüſjen herangezogen 
werden müſſen, deren Aufgaben das Frauen- und Kinde3- 
leben nahe berühren; 2. die Regierungsbehörden Gutachten 
von einer Vertretung von Frauen einholen oder ihnen Ge- 
legenheit geben müſſen, in mündlichen Verhandlungen ihre - 
Wünſche darzulegen, ſobald es ſich um Frauen- und Kinder- 
angelegenheiten handelt. 0... 
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