Full text: Die Lehrerin : Organ des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins - 32.1915/1916 (32)

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I. Ab 
Einen ausführlichen Plan als Leitſäßge und Grundlinien 
für einen 
Geſeßentwurf 
hat Profeſſor Zimmer (Kurator der Zimmer-Stiftung Ber- 
lin-Zehlendorf) aus8gearbeitet, dem folgende Paragraphen ent- 
nommen ſeien: 
: 8 1. Jede Deutſ<e iſt 14 Jahre lang zu öffent- 
lichem Dienſt verpflichtet; nur die Töchter regierender 
deutſcher Fürſtenhäuſer ſind dieſer Pflicht überhoben. 
8 2. Die Dienſtpflicht beginnt mit dem 1. April 
de3jenigen Jahres, in welchem die Dienſtpflichtige ihr 16. Le- 
ben3jahr beendigt, und währt bis zum 31. März desjenigen 
Jahres, in welchem ſie ihr 29. LebenSjahr beendigt. 
8 9. Die Auzbildungs8pflicht ſoll die weibliche 
deutſche Jugend zur Erfüllung derjenigen Leiſtungen tüchtig 
machen, für die das Vaterland ihrer bedarf. Jhre Ziele ſind: 
1. Wahrhaftigkeit, Arbeitſamkeit und Geſchi>klichkeit, Ord- 
nung und Pünktlichkeit in der Pflichterfüllung, Gemeinſinn 
und willige Einordnung in das Volksganze; 
2. körperliche Durchbildung, die eine geſunde Mutter- 
ſchaft gewährleiſtet ; 
3. wirtſchaftliche Durchbildung, die in Frieden3=- und 
Kriegeszeit eine verſtändige, den Verhältniſſen des WVolk83- 
ganzen ebenſo wie de8 eigenen Haushalt8 Rechnung tragende 
Wirtſchaftsführung ermöglicht ; 
4. Einführung in häusliche Krankenpflege und erſte 
Hilfe bei Unfällen ; 
5. Anleitung zur Pflege und Erziehung der Kleinſten; 
6. Kenntnis und BWerſtändnis der deutſchen Arbeit in 
ihrem Zuſammenhange und in ihren Verzweigungen, der 
deutſchen Staatseinrichtungen und des Hauptinhalts der wich- 
tigſten allgemeinen deutſchen Geſeße. 
S 10. Zur Erfüllung ihrer AusSbildungspflicht haben die 
Dienſtpflichtigen für mindeſtens ein Jahr ihr Elternhaus zu 
verlajjen und in eine fremde Leben3gemeinſchaft als Ler- 
nende und Dienende einzutreten. Die Ausbildungs8zeit kann 
auc< in zwei, durch eine Zwiſchenzeit unterbrochene Halb- 
jahre zerlegt werden. Der Haushalt naher Verwandter und 
Verſchwägerter bildet keine fremde Leben38gemeinſchaft. 
Unter den zur Erfüllung der Dienſtpflicht ſtaatlich zuge- 
lajjenen Leben3gemeinſchaften ſteht den dienſtpflichtigen 
Frauen die Wahl frei; für etwaige Koſten der Ausbildung 
haben ſie jelbſt aufzukommen. 
8 11. Während der Ausbildungszeit müſſen ſie in der 
Leben3gemeinſchaft, in die jie zur Erfüllung ihrer Ausbil- 
dungspfliht aufgenommen werden, praktiſch alle diejeni- 
gen Fertigkeiten ausführen lernen, die die Ausbildungspflicht 
umfaßt. 
Zur Ergänzung dient eine in größerer Gemeinſchaft er- 
teilte ſchulmäßige Unterweiſung in den Lehrgegenſtänden 
der Ausbildungspfliht.. | 
- 8 12. Zuläſſig für die Erfüllung der Ausbildungs8pflicht 
jind : | 
1. Frauendienſtheime, in denen die Dienſtpflich- 
tigen zujammenwohnen und gemeinjam jhulmäßigen Unter- 
richt in den Lehrgegenſtänden der Ausbildungs3pflicht er- 
halten ; 
2. Frauendienſtſtellen, indem die Dienſtpflichtigen 
einzeln in einen fremden Haushalt aufgenommen werden 
und in diejem praktiſch die Haushaltführung lernen, wäh- 
rend jie zur jhulmäßigen Unterweiſung eine Frauendienſt- . 
jchule bejuchen ; 
3. Frauendienſtſchulen, Sculeinrichtungen für täg- . 
[ich zweiſtündigen gemeinjamen Unterricht von Ausbil= - 
dungspflichtigen in den Unterrichtsfächern der Ausbildung3- | liche Dienſtjahr“. 
wobei mindeſtens eine halbe Stunde täglich der - 
| Frau. Von Dr. Alice Salomon. Zeitſchrift für Armen- 
pflicht, 
körperlichen Durchbildung gewidmet werden muß. 
8 16. Die Friedensdienſtpflicht beginnt mit Beendi- - 
 
gung der Ausbildung3zeit. Sie endigt 1. durch Übernahme 
von Mutterpflichten ; 2. mit dem Übertritt zur Friegahilfe- 
pflicht. 
Der Übertritt zur Krieg3hilfepflicht erfolgt 1. ohne Wwei- 
teres nach Ablauf de3 ſiebenten Jahres nach Eintritt in die 
Erfüllung der Ausbildungspflicht; 2. durch Übertritt in einen 
gemeinnüßigen Beruf. 
Freiwillige Friedensdienſtleiſtungen der von der Frieden3- 
dienſtpflicht Befreiten ſind zuläſſig. 
8 17. Die Friedensdienſtpflichtigen jind zu unentgeltlichen 
Dienſtleiſtungen von zuſammen 16 Wochen Dauer für gemein- 
nüßige oder Wohltätigkeit3zwede verpflichtet. Die friedens- 
dienſtpflichtigen Leiſtungen ſind nur für ſtaatli zugelaſſene 
Einrichtungen zu erfüllen. Die Wünſche der Friedens3dienſt- 
pflichtigen bezüglich der Zeiteinteilung, de8 Ortes und der 
Art ihrer friedensdienſtpflichtigen Tätigkeit ſind, ſoweit tun- 
lich, zu berücfichtigen. 
8 18. Die KriegS3hilfepflicht verpflichtet in Frie- 
denöSzeiten nur zum perjönlichen Erſcheinen bei einer jähr- 
lichen Kontrollverſammlung ; in Kriegszeiten ſind die Kriegs- 
hilfepflichtigen gegen Beſoldung zu denjenigen Dienſtleiſtun- 
gen verpflichtet, für die der Staat ſie zur Unterſtüßung des 
Heere3 und der Marine oder für öffentliche Arbeiten im 
Staat3- und Kommunaldienſt bedarf. Sie werden nach 
Jahresklajſen je nach dem vorhandenen Bedürfnis eingezogen 
und je nach ihren körperlichen und geiſtigen Fähigkeiten 
verwendet. | 
Befreit von der Kriegspflicht ſind körperlich Schwäcliche 
und vom Frauendienſtamt als unabkömmlich Anerkannte. 
Grundſäßlich ſind alle Frauen, die Mutterpflichten zu er- 
füllen haben, unabkömmlich. 
8 19. Im Dienſt tragen alle Dienſtpflichtigen eine gegen 
Nachahmung geſchüßte Dienſttra<t; durc< die Kopfbeklei- 
dung unterſcheiden jich die Ausbildungs3pflichtigen von den 
Friedensdienſt= und Kriegshilfepflichtigen. 
Dienſtpflichtige, die in der ſtaatlich vorgeſchriebenen Tracht 
erſcheinen, reden ſich untereinander al8 „Schweſter“ an und 
grüßen jich gegenſeitig. 
8 24. Die oberſte Aufſichts-, Beſchluß- und Spruchbehörde 
iſt das Frauendienſt-Reichsamt, das in Berlin er- 
richtet und unter Aufficht des Reichskanzlers8 von dem 
Staatsſekretär des Frauendienſt-ReichSamte3s geleitet wird. 
8 25. Die Koſten für das Frauendienſt-Reichsamt und für 
die Frauendienſt-Oberämter trägt da3 Reich. 
IL 
Literatur . 
zur Frage des Frauendienſtjahres 
gibt Elje Lüder38 als Anfang zu einem Artikel in „Soziale 
Praxis und Archiv für Volks8wohlfahrt“, Nr. 37, 10. Juni 
1915. Dieſe Literaturangabe umfaßt folgende Werke und 
Schriften: = 
Der Diakonieverein, e. V. Seine Geſchichte, Auſ=- 
gaben und Arbeit. 3. Auflage von „„Das erſte Jahrzehnt des 
ev. Diakonievereins“ von Prof. Zimmer. Berlin-Zehlendorf 
1911. Ev. Diakonieverein. = Deutſcher Frauenkons=- 
greß, 27. Februar bis 2. März 1912. Vortrag von Eliſa- 
beth Gnauc>-Kühne. Verlag B. G.- Teubner, Leipzig 
1912. -- Zur Frage de3 öffentlichen Frauendien- 
ſte3. Von Frau H. Shumann-Gebhardt in Blajewiß. 
Zeitſchrift für Frauenbildung. Ig. 1912 6. Heft. B. G. Teub- 
ner, Leipzig. = Weibliche Dienſtpflicht. Von Oberin 
Marie Cauer. Zeitichrift für Krankenpflege. Dezember 
1912. Fiſcher3 mediziniſche Buchhandlung. Berlin W35. -- 
Die Frauenpflicht für den Krieg. Ein Wort an 
Deutſchland8 Frauen. Von Prof. Dr. Oskar Wißel. Neue 
Frauen-Korreſpondenz. Berlin W9. 1913. --. Das „weib=- 
Von Helene Lange „Berlin 1913. 
W. Moeſers Verlag. -- Die ſoziale Dienſtpflicht der 
weſen. Oktober 1913. Berlin W.8. Carl Heymanns3. Verlag.
	        

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